:: Die guten und die bösen Christen

Eigentlich mag Herr Sathom den Herrn Jürgen Becker, Gastgeber der „Mitternachtsspitzen“ des WDR, mitsamt seinem munter-scharfzüngigen rheinischen Kabarettismus ja ganz gern, und hat sich auch an diesem Wochenende wieder einmal köstlich dank seiner und der genannten Sendung amüsiert, zumal darin nicht nur wie stets Loki und Smokie und der unvergleichliche Wilfried Schmickler, sondern auch der ehrbare Hagen Rether brillierten. Als Herr Sathom jedoch direkt im Anschluß noch Herrn Beckers Soloprogramm „Ja, was glauben Sie denn?“ verfolgte, darin jener so lustig wie gewitzt das Thema Religion erörtert, war Herr Sathom allerdings an einer Stelle etwas enttäuscht, wiewohl er sich ansonsten prächtig unterhielt – denn es fand sich darin etwas, das Herrn Sathom schon lange auf die Nerven geht.

Herr Becker nämlich erzählte von Hexenverbrennungen und Antisemitismus, vom mehr als unrühmlichen Verhalten des Vatikan während der Nazizeit, auch davon, wie jener NS-Verbrecher nach dem Kriege heimlich nach Südamerika schaffte; was alles zu Recht zu geißeln ist. Allein, was Herrn Sathom schon des öfteren auch in anderen Zusammenhängen auffiel: Erwähnung fanden, und dies explizit, nur die diesbezüglichen Sünden der katholischen Kirche. Nun sprach Herr Becker natürlich vornehmlich vom rheinischen Katholizismus, und seine Kenntnis des Christentums mag sich auf diesen beschränken, die Unvollständigkeit als dem spezifischen Thema geschuldet läßlich sein (wobei ansonsten der Herr Becker schon sehr allgemein vom Christentum an sich sprach, des Verfehlungen jedoch als rein katholische zur Sprache kamen); dennoch dünkt’s Herrn Sathom zuweilen seltsam, welch eigenartige Wahrnehmung sich zumindest hierzulande eingebürgert hat, für welche auch Herrn Beckers Ausführungen einigermaßen exemplarisch waren. Die Rede ist davon, daß allgemein in der öffentlichen Wahrnehmung folgende Zweiteilung des Christentums vorgenommen wird: in einerseits die ausschließlich „guten“, fortschrittlichen und klugen Christen, allein vertreten durch die evangelische Kirche bzw. den Protestantismus im Allgemeinen, und andererseits die „bösen“, rückständigen und dumpf-reaktionären Christen, ihres Zeichens ausschließlich katholisch. Es handelt sich hierbei um eine Sicht der christlichen Konfessionen, welche Hexenverfolgung, Judenhaß, Paktieren mit den Nazis und andere Vergehen wider die christliche Nächstenliebe allein der katholischen Kirche zuschreibt, und sich darin äußert, daß immer dann, wenn jene finsteren Kapitel der Kirchengeschichte angesprochen werden, von Medien und Gesprächspartnern oft allein die Katholiken als Bösewichte benannt werden, während die Protestanten erwähnungstechnisch durch höflich gewährte Abwesenheit glänzen. Ganz so, als sei das protestantische Christentum von jeher ausschließlich ein Hort lutherisch-rebellischer Offenheit und Toleranz gewesen, und politisch höchstens in der früheren DDR – dort angenehm durch friedlichen Widerstand bzw. dessen Unterstützung (was hier auch gar nicht geleugnet werden soll) – aufgefallen, ansonsten aber während der Hexenjagden oder im „Dritten Reich“ irgendwie gerade auf Kaffeefahrt gewesen. Diese Mythe, deren Anhänger vor den dunklen (und auch braunen) Flecken auf der Weste auch des Protestantismus allzugern die Augen verschließen, geht dem Herrn Sathom, wiewohl selbst Agnostiker und konfessionslos, doch einigermaßen auf die Halbleiterbahnen.

Daß sie so tief verwurzelt ist im evangelischen wie konfessionslosen Geist, hat natürlich vielerlei Gründe: es paßt so wunderschön zum selbstschmeichlerischen Mythos des fortschrittlichen Abendlands, in der Entstehung des Lutherismus und anderer Protestantismen eine Wurzel, den Motor gar, der Entwicklung des selbstbestimmten und nur sich selbst verantwortlichen Individuums zu sehen, das ach so frei von Bevormundung ist. Sich auf den säulenheiligen Herrn Luther zu berufen, tut dabei, wie Herrn Sathom gelegentlich auffiel – etwa wenn er manche (nicht alle, um nicht zu verallgemeinern) Studenten der evangelischen Theologie erleben durfte – auch einiges fürs eigene Ego, ermöglicht es doch, die tumben, papstgesteuerten Katholen zu belächeln, sich selbst aber als Erbe eines nur seinem Gewissen verpflichteten Rebellen zu betrachten, gar eines religiösen Robin Hood. Für die Konfessionslosen hingegen ist Herr Luther einer der vielen Säulenheiligen der abendländischen Geistesentwicklung, einer wie Galilei, der ja auch mit den Päpsten (die Herr Sathom durchaus nicht liebt) im Clinch lag, und auch hier paßt’s zur ihm zugewiesenen Rolle eben nicht, daß er wie seine Schäfchen auch ihr Scherflein zur Barbarei in jenem Land des Sonnenuntergangs beigetragen haben.

Was über seine Verdienste gesagt wird, ist natürlich dessen unbenommen richtig, und die diesbezüglichen Verdienste des alten M. L. und der von ihm initiierten Entwicklung zu leugnen, wäre reiner Unfug. Seltsam nur, daß – wohl damit kein Rußfleck das den guten Mann umgebende Leuchten verdunkle – allerlei ausgeblendet bleibt. Etwa daß eben jener Herr Luther selbst ein Judenhasser war, der nur so lang Kreide fraß, wie er noch meinte, jene Heiden wären vielleicht noch zum Christentum (dem seinen natürlich) bekehrbar, nach dem Scheitern dieser seiner Hoffnung sich aber lustigen Mord-, Enteignungs- und Versklavungsphantasien hingab, welche er auch den lutherischen Landesfürsten anempfahl (die aber, auch das muß gesagt werden, denselben nicht nachkamen), wobei er auch, darin  ganz Zeitgeistkind, die kranke Idee verbriet, welche sich noch lange wahrhaft ungeheurer Popularität erfreuen sollte: daß die Christen die Knechte der Juden seien, jene hingegen die eigentlichen Herren im Lande. So wie man auch nur selten davon hört, daß die Hexenverfolgung eben nicht allein katholisches Werk war, sondern eifrig und ebenso brutal auch von Lutheranern, sonstigen Protestanten und weltlichen Gewalten betrieben ward (und siehe, die brauchten nicht mal eine Inquisition dazu, das ging auch so ganz wunderbar). Wiederum war es auch der hochgelobte Herr Luther selbst, der nicht nur den Hexenglauben selbst akzeptierte, sondern (darin dem Reformator Calvin gleich) auch frisch und fromm der Hexen Tötung forderte – wovon man in den meisten medialen Darstellungen jener Greuel aber eher weniger, manchmal auch gar nichts hört. Immer sind’s allein die Katholen gewesen – auch wenn’s um Kumpanei mit den Nazis geht, obwohl doch die „Deutschen Christen“, die im „Dritten Reich“ eine ruchlose Mixtur aus „arisiertem“ Christentum und Hitlerkult anrührten, eine protestantische Ausgeburt waren (nebenbei bemerkt findet man in manchen älteren evangelischen Kapellen und Kirchen bis heute noch Hakenkreuzsymbole aus jener Zeit). Pikant (wenn auch nicht überraschend, findet Herrn Sathom) dabei auch das Detail, daß es zwar zu Massenaustritten aus der Organisation der Deutschchristen kam, als offenbar wurde, daß diese eine auch antichristliche, „deutsch-germanische“ Religiosität zu installieren suchte – aber eben nur deshalb, dieweil nationalistische oder antijüdische Töne die Austrittswilligen zuvor nicht gestört hatten, sondern im Gegenteil freundlichen Widerhall fanden.

Es soll natürlich nicht verschwiegen werden, daß es auch mutigen protestantischen Widerstand gab (aber eben auch katholischen, na und halt auch kommunistischen, bürgerlichen, usw.); aber ebensowenig, daß auch viele Anhänger der protestantischen „Bekennenden Kirche“, an sich als Gegengewicht zur DC gegründet, antijüdische Initiativen (etwa die „Entjudung der Bibel“) unterstützten, und sei’s aus der Hoffnung heraus, damit Kirchenaustritten entgegenwirken zu können (aus reinem Opportunismus also, was dem Vatikan allenthalben – zu Recht – vorgeworfen wird). Herr Sathom weiß also, daß man die Sache differenziert betrachten muß – was ihn stört, ist aber eben darum die doch häufige, fast zum guten Ton gehörige Einseitigkeit von Darstellung und Wahrnehmung.

Kurzum, von alledem hört man gelegentlich nebenbei, wenn’s um die genannten Themen geht, doch liegt selbst dann der Hauptfokus auf den Verfehlungen der Katholiken; der evangelische deutsche Christ aber darf einhergehen mit stolzgeschwellter Brust, als habe seine Kontamination Denomination schon immer alles richtig gemacht.

Nicht anders verhält’s sich bei anderen protestantischen Denominationen: daß die irrsten unter den fundamentaltheologischen Wahnsinnigen, zumal in den USA, Protestanten sind, wer nimmt es wahr? Oder nehmen wir den Herrn Calvin, Begründer des gleichnamigen -ismus, sah Herr Sathom doch neulich eine lustige Dokumentation über selbigen, die beschönigend herunterspielte, was dessen Doppelte Prädestinationslehre eigentlich in letzter Konsequenz bedeutet. Dieselbe besagt nämlich, daß Gott, willkürlich und ungerecht wie er sich’s eben leisten darf als Schöpfer der Welt, allen Menschen bereits in die Wiege legt, ob sie zur Verdammnis oder zur ewigen Seligkeit bestimmt sind, und dies zu keinem anderen Zweck als dem, die eigene Macht und Herrlichkeit zu demonstrieren; was zur Folge hat, daß die von vornherein Verdammten sich lebenslang noch so sehr um gute Taten bemühen, beten und fasten können, und doch von vornherein dem Höllenpfuhl geweiht sind, dieweil die Auserwählten hausen können wie sie mögen, ohne daß es ihnen zum Schaden gereichen kann (theoretisch soll sich natürlich jeder gutchristlich betragen, um seiner eventuellen Erwählung auch gerecht zu werden – theoretisch). Im Calvinismus ward daraus die Vorstellung (denn der Verunsicherung zu entgehen, auf welche Seite es einen verschlagen habe, war natürlich den braven Gläubigen ein Anliegen), ob man zu den Auserwählten zähle, ließe sich daran ablesen, welchen pekuniären und materiellen Erfolg man im Leben habe, weil dies zeige, daß der Fiesling in den Himmeln gnädig auf einen herablächle; was, wie Herr Max Weber nicht zu Unrecht einst bemerkte, zur Entstehung des Kapitalismus beitrug (und, wie Herr Sathom angesichts der an sich inhumanen und grausamen Botschaft dieser Lehre (die übrigens auch dem Apartheidsregime als religiöse Rechtfertigung diente) vermutet, durchaus auch zu der des Brutalkapitalismus – denn, nicht wahr, wer reich ist, ist eben von Gott dazu bestimmt bzw. seine Erwähltheit dadurch kenntlich gemacht, wer nicht, halt ein eh Verworfener; ein Gedanke, der übrigens hervorragend zum Sozialdarwinismus paßt, welcher anstelle göttlicher Erwählung lediglich genetische Vorbestimmung setzt, weshalb Herr Sathom hier durchaus eine historische Ideenkontinuität sieht – nämlich die einer Ideologie sich selbst reproduzierender Eliten, für welche eine ganz bestimmte Interpretation neuer darwinscher Erkenntnisse bereits aufgrund vorheriger Denktradition nahelag).

Man verstehe Herrn Sathom nicht miß: keineswegs leugnet er die Verdienste des Protestantismus, etwa die Idee der Gewissensfreiheit und die Stärkung des sich selbst prüfenden (reflektierenden) Individuums; noch streitet er die Verfehlungen, gar Verbrechen der katholischen Kirche ab. Allein, die Einseitigkeit der Wahrnehmung mißfällt ihm, und er hält es für angemessen zu fragen, welchen Interessen diese dient und welchen ideologischen Hintergründen sie sich verdankt. Ein solches Interesse, meint Herr Sathom, ist wie gesagt sicherlich die Mythologisierung der abendländischen Geschichte als einer rein humanistisch-fortschrittlichen unter Ausblendung ihrer Greuel, verknüpft mit der Glorifizierung der parallel laufenden technologischen Entwicklung; weshalb er so denkt, möchte Herr Sathom kurz an einem Beispiel erläutern: allgemein nämlich gilt die Erfindung des Buchdrucks (durchaus berechtigterweise) als Motor von Fortschritt und Aufklärung, und in keiner Schilderung der Leistungen Luthers darf die Bemerkung fehlen, daß die weite Verbreitung, die seine Schriften, zumal die übersetzte Bibel, dank der neuen Technologie fanden, quasi eine Initialzündung jener Entwicklung des geistigen Austauschs und der bürgerlichen Aufklärung waren. Schon richtig, meint Herr Sathom. Nur: betrachtet man die Geschichte der Hexenverfolgung, fördert die neuere Forschung interessantes zutage. Etwa, daß die Hexenverfolgungen weniger ein Phänomen des „finsteren Mittelalters“ als der „fortschrittlichen“ Neuzeit waren, daß von kirchlicher Seite (sogar von Seiten der Inqusition) erhebliche Zweifel und Bedenken bestanden (wiewohl, schändlich genug, konkrete Kritik auf katholischer wie protestantischer Seite nur von wenigen Mutigen geübt wurde), und daß quantitativ in protestantische Gebieten sogar mehr Hexenverfolgungen stattfanden. Was nun aber den Buchdruck betrifft: berüchtigt bis heute ist als Ausdruck des Hexenwahns das Buch „Malleus maleficarum“, der „Hexenhammer“, Machwerk eines gewissen Heinrich Kramer, genannt Institoris. Jener Kramer, ein Dominikaner, war nun schon vor Niederlegung seines Pamphlets als Hexenjäger umhergezogen und hatte die Leute zu gegenseitiger Denunziation aufgewiegelt und Hexenprozesse initiiert, bis der katholische Bischof von Innsbruck, daselbst er ebenfalls unheilvoll zu wirken trachtete, ihm einen Tritt in den Hintern verpaßte (na ja, vermutlich nicht persönlich; Herr Sathom nimmt jedenfalls an, als kirchlicher Landesherr hatte man da damals irgendwelche Büttel für). Derart düpiert, schrieb er ein Buch, und ein solches leistet eben auch Folgendes: es entkoppelt den Text vom Autor, was heißt, daß die im Text enthaltenen Ideen massenhafte Verbreitung finden können, ohne daß die Leser aus eigener Anschauung noch die Erfahrung machen können, daß der Verfasser ein durchgeknallter Irrer sei. Die tatsächliche Wirkungsmacht des Schmökers wird unterschiedlich beurteilt (er wurde offiziell weder von kirchlicher noch weltlicher Seite anerkannt), aber aufgelegt wurde dieser Quatsch immerhin noch bis ins 17. Jahrhundert hinein (was immerhin von einiger Beliebtheit zeugt), wobei es in protestantischen Territorien auch ohne das Büchlein rund ging.  Nun verhält sich’s so, daß andererseits des katholischen Jesuiten Friedrich Spee von Langenfeld Schrift wider die Hexenprozesse, Cautio Criminalis, ebenfalls vom Buchdruck profitierte, und daß Kramer alias Institoris seinerseits – wie Spee – auch Katholik war. In beiden Fällen also Katholen am Werk, mal zum Bösen, mal zum Guten, und auch der Buchdruck mal so, mal so von Auswirkung; man sieht also, ganz so einfach, wie’s abendländische Mythenbildung will, ist es eben nicht (daß „Wir sind Papst“ wieder Exorzisten schulen läßt und damit dem Teufelsglauben Vorschub leistet, der wiederum im US-amerikanischen Fundamentalprotestantismus ohnehin sehr beliebt ist, daß also die katholische Kirche als Institution sich hier rückständig gebärdet (vom Verhältnis zu den Frauen einmal abgesehen), viele Protestanten jedoch auch, zeigt um so mehr: der schwarze Peter wird selten nur einmal ausgeteilt).

Die seltsame und historisch vollkommen falsche Auffassung, allein die Katholiken seien der Hexenverfolgung schuldig, kam übrigens erst zur Zeit des preußischen Kulturkampfs auf (damals in politischer Absicht lanciert), und die immer noch (zumal in esoterisch gesonnenen Kreisen) populäre Idee, in Gestalt der Hexen seien Vertreterinnen einer heidnischen Urreligion verfolgt worden, wurde in der Nazizeit mit viel Tamtam auf den Weg gebracht. Man sieht also, dies noch nebenbei, aus welchen Quellen die Überzeugungen stammen, denen da manche(r) heute noch anhängt und sich dabei wer weiß wie aufgeklärt vorkommt.

Letztlich findet Herr Sathom, wenn er sich fragt, wer denn nun tatsächlich die bösen und wer die guten Christen seien: das Christentum hat als solches Ideen hervorgebracht, vornehmlich die der Nächstenliebe, ohne welche die Welt eine ärmere, eine weitaus schlimmere wäre. Doch bürgerlicher Christ bleibt bürgerlicher Christ, gleich welcher Konfession, und das heißt allzuoft: gar kein Christ, oder vielleicht privat so halbwegs, Einer, der die Grundaussagen seiner angeblichen Religion schlicht ignoriert (zumal jenes Wort des Stifters derselben, demzufolge eher ein Kamel durch ein Nadelöhr ginge, als ein Reicher ins Himmelreich Gottes, mal ganz abgesehen von der schönen vorangehenden Geschichte vom Reichen, der zu Jesus kam, und was der ihm dann aber hallo erzählte). Einer, der zuallererst Vertreter seiner mittelständischen Schicht ist, der von Herrn Klaus Theweleit und anderen nicht umsonst einst so bezeichneten „Zweifrontenschicht“, die nach oben buckelt und nach unten – in Richtung der Ärmeren – tritt, um sich über Letzteres gelegentlich mit ein paar karitativen Spenden und sonntäglicher Zelebrierung des eigenen Mitleids für die Armen in der Welt hinwegzutrösten, indem er ein bißchen für sie betet (und übrigens Beten am Sonntag: war da nicht auch was bei der Mitteilung des „Vater Unser“, daß man nicht öffentlich beten solle und auch nicht „Herr“ sagen dabei, was die Christen aber fleißig tun?), der anders als der alte Nazarener die Hure und den Sünder verachtet und sich, gleich ob Evangele, Kathole, oder sonstwas, sagt: selbst schuld, ist einfach nicht so anständig wie ich (oder im Fall des Calvinisten: war wohl vorgeburtlich schon Abschaum). Kurz und gut: ein metaphorischer Radfahrer, der seine sich  ganz anderen historischen Ursachen und Zusammenhängen verdankenden Werte als christliche ausgibt, weil sich das so schön traditionsfest anhört.

Noch ein letztes: Herr Sathom selbst ist, wie gesagt, Agnostiker und Skeptiker zudem; das heißt nicht, daß er nicht gewahr wäre, daß es grad unter den militanten Atheisten genau so viele Idioten und Heuchler gibt, wie unter Christen und Anhängern anderer Religionen (und umgekehrt: unter all jenen auch durchaus viele Rechtschaffene), namentlich solche, die einfach die Hörigkeit gegenüber religiösen Autoritäten und numinosen Mächten eingetauscht haben gegen den Glauben an andere Autoritäten, gegen das, was ihnen Interessengruppen, oft nur in Teilen oder verdreht dargereicht, als angebliche wissenschaftliche Erkenntnis verhökern, die sich dem plattesten Naturalismus und Positivismus verschrieben haben, meinen, die Wissenschaft gebe endgültige und ewig wahre Antworten, von egoistischen Genen oder der Illusion des freien Willens faseln, weil’s ihnen in populärwissenschaftlichen Talkrunden und im Feuilleton so vorgebetet wird, und sich dabei noch sonder schlau vorkommen, dieweil sie nur nachquasseln, was irgendwelchen Interessengruppen dienstbare PR-Schufte in den Diskurs eingeschmuggelt haben. Diesen, die Herrn Sathom fast noch mehr ärgern, dieweil sie’s besser wissen sollten, darunter auch den verkappten Sozialdarwinisten und jenen seltsamen, aufgeplusterten Vögeln, die sich daselbst „Brights“ nennen und klugerweise vermeiden, überhaupt zu definieren, was das sei (so daß man praktischerweise alles propagieren kann, sich aber zu nichts klar bekennen muß), wird sich Herr Sathom jedoch bei anderer Gelegenheit widmen, denn hier und jetzt reicht’s ihm erstmal; doch erinnert er noch daran, daß rassistische Ideen oder auch die Lehre von der physiologisch bedingten Minderwertigkeit der Frau in früheren Zeiten durchaus kein Monopol der Kirche(n) waren, sondern Naturwissenschaftlern und Medizinern als wissenschaftlich erwiesene Tatsachen galten.

(Ein kleines, abschließendes Schmankerl zum oben angeschnittenen Thema der Kontinuität von Ideen möchte Herr Sathom allerdings an dieser Stelle nicht unterschlagen: es fügte nämlich Herr Darwin (der auf manchen Atheistenseiten heftig beworben wird, nebst anderer Reklame für naturalistische Literatur) selbst seine These vom „survival of the fittest“ erst nachträglich in sein Werk von der Entstehung der Arten ein – nachdem er zustimmend Kenntnis von den Lehren des Manchesterkapitalismus genommen hatte (der, wie gezeigt, seinerseits eine Vorgeschichte hatte, in deren Geist auch Herr Darwin selbst sicherlich biographisch vorgeprägt war). Soviel denn auch zur Objektivität wissenschaftlicher Interpretation der vorgefundenen Untersuchungsergebnisse seitens des zum irrtumsfreien und interesselosen Abgott verklärten Wissenschaftlers, und zum bedingungs- und kritiklosen Glauben an dessen Autorität).

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2 Kommentare zu “:: Die guten und die bösen Christen”

  1. Nun, der Vorteil der Naturwissenschaft ist aber immer seine Fähigkeit, sich kritischer Überprüfung seiner Ergebnisse zu unterwerfen (da wo es auch gemacht wird und zudem nicht Ergebnisse erfunden werden).

    Wieviel Objektivität in der Naturwissenschaft auch immer stecken mag; der Beobachter ist letztlich immer Teil des System (Schönen Gruß von Heisenbergs Katze). Dennoch ist die Überprüfbarkeit naturwissenschaftlicher Ergebnisse der Wesensvorteil gegenüber jedweder Religion.

    1. Herr Sathom stimmt ganz und gar zu. Das Problem mit diesem Vorzug der Wissenschaft (Herr Sathom möchte durchaus auch andere als die naturwissenschaftlichen Disziplinen eingeschlossen wissen) ist nur eines, das Yucafrita auch teilweise benennt: daß die tatsächliche Umsetzung oft genug nicht dem hohen Ethos und Anspruch genügt. Einerseits ist dies den Wissenschaftlern nur teilweise anzurechnen, und eher ein Problem der Öffentlichkeit und der Medien: erstere erwartet letzt- und endgültige Antworten, die sinnstiftend sein und Anweisung geben sollen, wie man sein Leben auszurichten habe, oder wenigstens, was der sicherste Weg zu eigenem Erfolg und Fortkommen sei („egoistisches Gen“ = Ellbogengesellschaft zu empfehlen, gendertypisches Verhalten, Bildungsfähigkeit etc. vererbt oder anerzogen = Konsequenzen für die Frage, ob gleiche Bildungschancen geschaffen werden oder die Macht- und Geldeliten sich weiter selbst reproduzieren, ob die bestehende Verteilung von Chancen, Einkommen etc. „naturgegeben“ ist usw.). Die Medien wiederum geben wissenschaftliche Erkenntnis oft zeitgeist- und interessengesteuert dergestalt weiter, daß bestimmte widersprüchliche Ergebnisse unterschlagen oder ignoriert werden, stellen Sachverhalte verzerrt und verfälschend vereinfacht dar, und präsentieren gern Hypothesen oder markige Behauptungen als objektive, endgültig bewiesene Fakten. Im Wunsch, solche „letzten Antworten“ zu erhalten und von allwissenden Autoritäten geleitet zu werden, ähnelt sich die Rezeption wissenschaftlicher Ergebnisse derjenigen religiöser Aussagen da oft mehr als nur ein wenig an. Den Wissenschaftlern (wiederum gleich welcher Ausrichtung) selbst kann Herr Sathom jedoch eine gewisse Mitschuld auch nicht absprechen: da sind Forschungsergebnisse gern mal abhängig vom Geldgeber, oder man sieht die Chance, sich medial in Szene zu setzen, eigene Theorien zu propagieren und konkurrierende Disziplinen oder Erklärungsansätze zu diskreditieren; und, so meint Herr Sathom, es erliegen die Herren und Damen Wissenschaftler/innen gern auch mal dem eigenen Mythos. Sie halten sich wirklich für unbestechlich objektiv, und reflektieren oft nicht, daß ihre Interpretation ihrer Ergebnisse von eigenen Interessen, Meinungen, politischen Überzeugungen oder irrationalen Motiven beeinflußt ist, und meinen, sie seien objektiv, und ihre Ergebnisse nicht minder, selbst wenn sie nur wild und zum eigenen Weltbild passend interpretieren und spekulieren (ein gewisser Herr Devereux hat wunderbar darüber räsonniert, wie diese Selbsttäuschung – etwa mittels vermeintlich die Subjektivität ausschließender, sie jedoch eigentlich nur der Wahrnehmung entziehender Forschungsmethoden – in den Verhaltenswissenschaften funktioniert (Wiki hierzu englisch und deutsch (leider beide Abschnitte zur Methdologie etwas verkürzt, aber einander halbwegs ergänzend)). Auf die Korrigierbarkeit ihrer Ergebnisse ziehen sie sich nur dann zurück, wenn sie dabei ertappt werden. Man verstehe Herrn Sathom nicht falsch: letztlich funktioniert das System einigermaßen, und ist auf jeden Fall besser als religiöser oder ideologischer Doktrinismus, doch bleibt, daß Erkenntnis oft verspätet, verzerrt oder verfälscht in den Diskurs einsickert, oder sogar wieder schwindet, je nachdem, wie der Zeitgeist sich wendet; das Label „Die Wissenschaft hat festgestellt“ allein rechtfertigt noch kein blindes Vertrauen. Dies ist um so unglücklicher, als gesellschaftliche Verhältnisse, Machtverteilungen usw. immer qua Berufung auf Autoritäten begründet werden, und heute gern die „bewiesene wissenschaftliche Tatsache“ dazu herangezogen wird, so wie früher der Wille des lieben Gottes, wobei der Professorentitel die Priesterrobe ersetzt: man hört auf die Autorität, der man per se unterstellt, unbedingt irrtumsfrei und glaubwürdig zu sein (und wie gesagt: Wissenschaftler glauben dies doch oft gern von sich, oder meinen, ihre Methodik schließe den Irrtum aus – so, als gäbe es eine vollkommene Methode)

      Herr Sathom meint also durchaus, und stimmt der Auffassung auch zu, daß die Wissenschaft – auch gerade weil sie selbstkorrigierend gedacht ist – immer noch das beste Erkenntnismittel darstellt, über das wir verfügen (soweit die unserer conditio humana geschuldeten Beschränkungen uns „Erkenntnis“ eben erlauben); allein er meint, daß das hehre Ideal oft nur pro forma im Munde geführt wird, und man daher den Aussagen jedweder Autorität, gleich ob sich auf Wissenschaft oder Religion berufend, eben kritisch gegenüberstehen muß. Zumal der Zweck der Wissenschaft eben nicht ist, Sinngebungskonzepte zu liefern oder gesellschaftliche Realitäten zu rechtfertigen, was sie auch gar nicht kann, sie jedoch – auch von Wissenschaftlern – so präsentiert wird, als könnte sie’s; und damit schleicht sich das Irrationale wieder ein, nur getarnt durch die Camouflage angeblicher Rationalität, und schwindet der Unterschied zu Religion und Ideologie. Allzu oft ist daher leider das Schubladendenken das Gleiche, nur daß man eben die Schubladen anstatt mit „Gottes Wille“ mit dem Aufkleber „wissenschaftlich bewiesen“ versieht. Die Autorität „der Wissenschaft“ rührt dabei letzten Endes daher, daß man einen fiktiven „Wissenschaftler an sich“ konstruiert hat – eine Imaginationsfigur, die objektiv und frei von Eigeninteressen forscht, und an deren Eigenschaften teilzuhaben den realen Wissenschaftler einfach per entsprechender Behauptung unterstellt wird. Die vielfältigen Heldenepen, derer unsere Geschichtsmythologie sich befleißigt (etwa daß der hehre Galilei gesagt habe, „und sie bewegt sich doch“), sind dabei Bestandteil der Konstruktion dieses schon wieder transzendenten Wissenschaftlers per se (nur eben: daß diese Mythen sich wiederum wissenschaftlich korrigieren lassen – wenn die Korrektur denn wahrgenommen, rezipiert wird).

      Herr Sathom steht der Wissenschaft also als aufgeklärter Bursche natürlich wohlwollend, wenn auch nicht bedingungslos unkritisch gegenüber – ihn ärgert letzten Endes nur, daß die Formulierung „Professor X hat gesagt“ heutzutage oft genauso gehandelt wird wie einstens „Gott hat gesagt“, und herangezogen wird zur Begründung angeblicher Sachzwänge, gesellschaftlicher Zustände etc.; denn wo Wissenschaft derart rezipiert wird, hätte man den Aufwand mit der Säkularisierung sich sparen können.

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