:: Die gemeinen Matriarchinnen

Ist Herr Sathom drüber gestolpert, als er etwas ganz anderes recherchierte (und zwar, wie u.a. Johann Jakob Bachofen und Arthur Evans ein angebliches urzeitliches Matriarchat gefaked haben): ein weiteres schwachsinniges Exempel einer seit geraumer Zeit tobenden Irrsinnsdebatte, der zufolge Jungs in unserer Gesellschaft heute ganz ganz fies benachteiligt werden (in der Schule zumal), hier auftretend in Gestalt eines Welt-Online-Artikels von Alan Posener. Herr Sathom meint auch, daß männliche Kinder es heutzutage nicht leicht haben (doch haben es Mädchen in Wirklichkeit auch nicht leichter), aber sicher aus anderen Gründen als denen, die konservative Kreise suggerieren, und die offenbar auch Herr Posener für realitätsnah hält: Jungen sind Opfer des Matriarchats, weiß der Autor, den irgendein Wahnsinniger an einen internetfähigen Computer gelassen hat, und fühlt sich durch einen das gleiche Klagelied winselnden Quatsch aus derselben Onlinegazette inspiriert, einen früheren Text aus eigener Feder erneut zu präsentieren.

Herr Sathom kritisiert den letztgenannten Artikel weiter unten – zunächst einmal jedoch widmet er sich Herrn Poseners recyceltem Elaborat.

Jenes reiht sich ein in eine wie gesagt schon länger konservative Kreise und ein Publikum heulsusiger, in ihrer Männlichkeit gekränkter Daumenlutscher ansprechende „Debatte“, die im Wesentlichen um die gebetsmühlenartig wiederholten Behauptung rotiert, Jungen und männliche Jugendliche seien heutzutage Schulversager und auch ansonsten grausam benachteiligt, weil Mädchen bevorzugt würden, und weil überhaupt die ganze Gesellschaft eher aufs Weibliche eingestellt, und Lehr- und Erziehungspersonal an Schulen und in Kindertagesstätten hauptsächlich aus Frauen zusammengestellt sei. Darüber hinaus habe auch der erwachsene Mann – dies auch das Hauptthema von Herrn Poseners Schrift – unsäglich unter der insgeheim waltenden Tyrannei des Matriarchats zu leiden, und das alles nicht nur verdank des Übereifers der Emanzen in den 1980ern, sondern eh schon immer.

Was für ein hirntoter Schwachsinn. Lassen wir mal beiseite, daß auch Herr Sathom von Kindergartentanten gepiesackt und in der Grundschule von Fräuleins mit Mathe, Deutsch und Reli traktiert wurde, und trotzdem kein erbsenhirniger Pisaversager, dem der Hormonstau die Verbindung zwischen Stamm-, Klein- und Großhirn verstopft, geworden ist, daß also das oft beklagte, so katastrophale Schulversagen männlicher Jugendlicher und die Identitätsnöte „erwachsener“ (na ja) Männer auch schon früher dagewesen sein müßten, wären sie denn wirklich durch Lehrerinnen und Erzieherinnen bedingt; und kümmern wir uns auch erst einmal nicht darum, daß die Überrepräsentierung weiblichen Erziehungspersonals im Kindergartenbereich vielleicht auch was damit zu tun hat, daß die Jobs lausig unterbezahlt sind und die Herren der Schöpfung sie unter anderem auch deshalb nicht machen wollen, und daß der deutsche Konservatismus diese Einstellung fördert, indem er bis auf den heutigen Tag meint, Erziehung sei Frauensache, die Mutti gefälligst daheim zwischen Kochen und Bügeln erledigen sollte – daß also von einem geheimen oder auch nur metaphorischen „Matriarchat“ als Ursache all dessen gar keine Rede sein kann (das Bildungsthema steht bei Herrn Posener, wiewohl der ihn zu seinem Blog-Eintrag motivierende Artikel es zum Inhalt hat, allerdings auch gar nicht so sehr im Vordergrund – es ist ihm eher eine weitere Zutat seiner Klage über das  allüberall insgeheim waltende Matriarchat).

Lassen wir das also fürs Erste, und lesen wir statt dessen lieber mal, was Herr Posener eigentlich zu monieren hat. Aha. Hm, hm. Herr Sathom faßt mal zusammen: erstmal, die Emanzen sind häßlich. Das Matriarchat wird nicht repräsentiert von Uschi Obermaiers, die bei aller Emanzipation doch letztendlich dem Mann ihre lockigen Liebeshöhlen öffnen, sondern von einer „dünnlippigen Megäre mit strähnigem, fettigem Haar“, die einem zum Kloputzen einteilt. Klar, das meint der Gute ironisch, bloß nicht zu ernst nehmen – doch zwischen den Zeilen der Ironie trieft’s eben heraus und ist wohl doch nicht so sehr Ironie als verbittertes, als Satire getarntes Schmollen, angereichert mit Vorurteilen aus Opas Mottenkiste: diese Flintenweiber sind eben häßlich und bloß deshalb männerfeindlich drauf; und dann wollen sie – als ob das nicht schon reichte, um dem Mann das Leben zu vergällen – zu allem Übel auch noch das Kloputzen nicht weiterhin allein übernehmen, na, da kann einem natürlich schon mal ein Zacken aus der Krone fallen. Zumal wenn man so ein wichtiger Journalist ist, der so Bedeutendes zu sagen hat, nicht wahr. So eine Scheiße aber auch – die Frauenbewegung gebar nicht ein Matriarchat in Gestalt einer Harems-Männerphantasie von einer Kommune, in der man mit „allen Uschi Obermaiers dieser Welt schlafen“ kann, was mann ja noch ergeben hätte über sich ergehen lassen können, sondern die Diktatur der Toilettenbürste. Wie enttäuscht müssen viele sein, die sich während der 1980er zum Schein umgestalteten zu „neuen Männern“ (daß Herr Posener unter ihnen gewesen sein könnte, behauptet Herr Sathom gar nicht, findet lediglich dessen Vorstellung, wie das Matriarchat sich aushalten ließe, belustigend naiv-chauvinistisch): die ganze Mühe, den Ideen der Gleichberechtigung verbal pflichtschuldigst zuzustimmen, und dann um die insgeheime Hoffnung, dafür oral belohnt zu werden, betrogen sein. Sich in den 1960ern lautstark für die sexuelle Befreiung engagieren und bereits damals nach außen hin als welche geben, die die Emanzipation der Frau akzeptieren oder gar mit vertreten, damit man sich in der Kommune weiter als Pascha von einem Dutzend Uschis den Kopf kraulen lassen kann (übergehen wir mal sich anbietende Witze hinsichtlich dessen, was sich noch so kraulen läßt, und was sich auf Uschi reimt), oder spätestens ab den 80ern sich zum Schein als verständnisvolle Unterstützer der Frauenbewegung (den Witz sparen wir uns ebenfalls) ausgeben, um die widerspenstig Gewordenen wieder rumzukriegen, wie sie sich das so schön vorstellten, klappte nicht – denn plötzlich befreiten die Frauen sich doch tatsächlich selbst sexuell und verstanden darunter nicht, Freiwild zu sein, diese zickig-verklemmten Spielverderberinnen mit ihren speckigen Haarsträhnen. Und egal, ob man nun zu den so Gefoppten zählte, oder von vornherein das Emanzenpack mit Mißtrauen beäugte:  als Ergebnis soll man auch noch den Klosettfeudel selbst ab und zu mal in die Hand nehmen, welch Seelenqual, welch weiterer zerrüttender Anschlag auf die eigene, schon schwer beschädigte Identität. Gemein.

Zweitens, damit diese Flintenweiber einen nicht kastrieren, muß man lügen wie gedruckt. Die schöne alte Ausrede für männliche Heuchelei und Selbstverbiegung: selbst „die Mutter anlügen, ohne rot zu werden – Jungen, die das nicht lernen, überleben die Kindheit nicht.“, so Herr Posener. Oh grausames Schicksal aber auch, in ständiger Angst zu vegetieren, unentwegt bedroht von der omnipotenten Schwanzabschneiderin, ja potentiellen Kindsmörderin gar, der tödlichen „Herrin des Liebesentzugs“ (Herr Sathom geht gleich mal sein Schnuffeltuch suchen, so sehr setzt ihm der bloße Gedanke zu) – kurz, der alles verschlingenden Killermutti, die einem nicht nur den Piephahn abbeißt, sondern gleich auch noch den Kopf. Selten ertappt Herr Sathom einen so in flagranti, und freut sich darum natürlich, hier in Aktion zu sehen, was er schon lange denkt: an der selbstmitleidigen Feigheit und Heuchelei der Herren der Schöpfung sind nach deren Auffassung natürlich nur die Frauen schuld, so wie an eh allem. Welch ein Selbstbetrug: nicht fähig sein, selbstbewußten und –bestimmten, emanzipierten und vielleicht gerade mal etwas neckisch drauf seienden Frauen (siehe dazu unten das Schreckenserlebnis auf Knossos) unbefangen und mit ganz selbstverständlichem eigenem Selbstbewußtsein und Offenheit zu begegnen, weil man kein solches Selbstbewußtsein hat, sobald man sich nicht in einem rollenklischeeorientierten Situationskontext sicher fühlen kann, und dann den Weibern die Schuld geben. Danke, danke, danke Herr Posener, für diese Selbstentblößung: so offenherzig liebt Herr Sathom seine Pappenheimer nämlich.

Drittens: schuld an allem ist die „große Mutter“ – sie, so Herr Posener, wisse alles, der Vater nichts; sie teile den Vater zum Windelwechseln ein (umgekehrt wär geiler, ne, vor allem weil dann Mami immer eingeteilt wäre); und sie erzieht, grausamstes der Verbrechen an der zarten Seele knospender Knäblein, dieselben dazu, im Sitzen zu pinkeln, auf daß eine ganze Generation seelisch verkrümmter und verkrüppelter junger Männer heranwachse, die nicht mehr wisse, wozu ein Pissoir da sei, geschweige denn ein Baum (Herr Sathom ist dankbar, daß er nun endlich erfahren durfte, wozu Bäume eigentlich gut sind; was die Pissoirs angeht, ist Herrn Sathoms Erfahrung allerdings die, daß das Hineinpissen den meisten seiner Geschlechtsgenossen keinerlei Probleme bereitet, das Spülen allerdings schon. Das gilt für öffentliche Sitzklos nach dem Kacken übrigens genauso – man muß ja sein Revier markieren. Daher noch der Hinweis: der Knopf oben am Pinkelbecken/Kasten überm Klo ist auch zu was da, Jungs. Probiert mal, ihr werdet staunen (und demnächst in diesem Theater: Klopapierrollen wachsen nicht von allein auf dem Halter nach)).

So wird die Mami zur kastrierenden Großen Mutter: weil Papi abwesend ist, zwingt sie Klein Fritzchen, die Legosteine wegzuräumen, was für Papi heißt: er ist fein raus. Während ihr Lohn dafür, erzieherische Konflikte allein zu buckeln, in der nachträglichen Schelte besteht: das böse Autoritätsgespenst mit der Schere ist Muttern (Dein Überleben hängt davon ab, daß Du sie reinlegen kannst, denn sonst macht die Dich kalt, Alter). Ihr folgen, auch das erklärt uns luzide Herr Posener,  als nächste matriarchale Tyranninnen die Erzieherinnen und Grundschullehrerinnen. Herr Sathom kann sich die Einrichtungen, in denen jene Bestien walten, lebhaft vorstellen: Kinderknäste umzäunt von Stacheldraht, wachturmumgeben, die Wärterinnen S/M-Amazonen in Nietenkluft, die auf Kleinejungspimmel dressierte scharfe Hunde an der Leine führen, und aus denen nur Mädchen (die künftigen Großen Mütter) seelisch unversehrt hervorgehen, während Jungs froh sein können, ihre Gebeine lebendigen Fußes wieder davonzutragen, ohne dabei Falsett zu singen.

Schon als Kind wird man so qua Erziehung von finsteren Weibsbildern entmannt, seelisch kastriert, zum gebeugten Bückling gemacht – so jammern, sich besaufend an Selbstmitleid und gekränkter Eitelkeit, heutzutage viele empfindsame Seelchen. Welch letztere, nebenbei bemerkt, Herr Sathom erlebt seine Geschlechtsgenossen ja, oft einem ganz bestimmten Typus derselben angehören (aber eben einem Typus, denn Herr Sathom will nicht, wie andere, auf „die Männer“ oder „die Frauen“ verallgemeinern): einem solchen nämlich, der unter sich das Maul aufreißt, frauenverachtende Scheiße labert und mit seinem Piephahn angibt, daß die Wand wackelt, aber vor der eigenen Freundin kuscht, als hätte die ein Breitschwert (oder eine Gartenschere) in der Handtasche. (Wohlgemerkt zählt Herr Sathom Herrn Posener explizit nicht unter die so Geschilderten, will ihn nicht einmal in deren Nähe rücken, meint aber, daß genau dieser Klientel sein Artikelchen sicher besonders gut gefallen dürfte.)

Und so entkommt auch der Herr Poseners kolumnistisches Alter Ego, der „Tourist“ (dessen völlige Identität mit dem Autor Herr Sathom einfach mal eingedenk des glossenhaften Charakters der ganzen Sache nicht unterstellt, wiewohl sie natürlich suggeriert wird, den als Sprachrohr der Ansichten des Autors zu betrachten er aber für legitim hält) der Repräsentantin der bösen Urmutter in seinem launig erzählten Urlaubserlebnis nur mit knapper Not, dank Heuchelei nämlich. Fast hätte er das „Tabu“, das „Betriebsgeheimnis“ unserer Gesellschaft – daß nämlich die Kastrationsgöttinnen über uns herrschen – ausgeplaudert und sich damit dem Scheiterhaufen ausgeliefert. Uff, Herr Sathom wischt sich die Schweißtropfen von der Stirn. Und denkt: ein Glück für die Aufklärung des Abendlandes, daß der Knossosreisende nicht als Vegetationsgott geopfert wurde; denn so kann er das Geheimnis doch noch verraten und uns erleuchten, die mordsgefährlichen Frauen aus der Reisegruppe sind ja inzwischen weg. Nebenher läßt sich in diese Leier noch prima die in konservativen Kreisen gern gehörte Schmähung Freuds einflechten, hier dergestalt, daß die Theorie vom Über-Ich lächerlich sei angesichts der matriarchalen Fakten (daß man sich bei ständiger Berufung auf die Kastrationsangst als Ausrede für die vollkommene eigene Unfähigkeit, souveränen Frauen souverän zu begegnen, selbst munter Freudscher Terminologie bedient, muß einem ja nicht auffallen).

Jenes lebensgefährliche Erlebnis, dem Herrn Poseners Tourist gleich einem von Erinyen umzingelten Orest nur mit knapper Not und eines Odysseus würdiger Manneslist entrann, inspiriert Ersteren nun allerdings nicht nur zu seinem Monolog über die geheime Tyrannis des Matriarchats, sondern, einmal in Fahrt, auch zu einem Seelenstriptease: indem er (bzw. der Tourist halt, aber wenn der ne reine Kunstfigur und nicht 1:1 der Herr Posener selbst sein soll, macht das Erzählte von da an wirklich keinerlei Sinn mehr) uns nämlich das traumatische Erlebnis enthüllt, das ihm schon in zarten Knabenjahren die Augen für jene verleugnete Tyrannei öffnete, führt er uns deren Schrecken in ihrer ganzen Grausamkeit eindringlich und aufrüttelnd vor. Als er am ersten Tag in der Schule weinte, dieweil die Einschulung ihn von der Mutter fortriß, stellte ihn nämlich eine Lehrerin auf den Tisch und stellte fest, solche kleinen Jungen wolle man dort nicht, sondern fröhliche. Und seitdem ward er dann immer fröhlich, der arme, kleine, vor allen gedemütigte Kerl.

Mann, Mann, Mann. Wie schrecklich: war die pöse, pöse Tante ganz, ganz gemein zu dem kleinen Touristen? War sie damit einer der Prototypen der hinter ihrem maliziösen Lächeln sadistische Abgründe verbergenden femme fatale, die ihn später in Gestalt der Reiseleiterin (wahrhaftig eine gorgonische Medusa, durch das furchtbare Lächeln der Frau zahnglänzenden Abbiß ankündigend) retraumatisieren sollte? Grausam – hat diese frühe Lektion doch dazu beigetragen, daß auch später der erwachsene Mann kein Rückgrat zeigen mag, sondern sich verleugnet, sobald eine Dame grinst, der Dame aber für seine mangelnde Lockerheit die Schuld gibt.

Herr Sathom fühlt Mitleiden in sich aufsteigen und spricht daher mit ruhig-fester Mannesstimme: hör mal zu, kleiner Bursche (hier haste’n Taschentuch) – diese Lehrerin war eine Idiotin, und was sie getan hat, war beschissener als sich leicht in Worte fassen läßt; es war niederträchtig, erbärmlich und Ausdruck der perfidesten Mischung von Dämlichkeit mit Bosheit. Aber was meinst du denn, was ein männlicher Lehrer getan hätte? Dich verstanden? Der hätte dir nicht aufgezwungen, daß du fröhlich sein sollst, sondern dir gesagt, daß du’s Maul halten und dich zusammenreißen sollst, weil – und das in dein zartes Knabenantlitz – Männer nicht heulen. Sonst, hätte er gesagt, wärest du nämlich ein Mädchen (Schrecken und Schande ohnegleichen, weil „Mädchen“ schlechter ist als „Junge“ und schlimmer als alle Monster unterm Bett zusammen). Oder er hätte mit diabolischem Unterton in der Stimme gefragt: „…oder bist du ein…(hä hä hä) …Mädchen?“ (so much for Kastrationsdrohungen). Hätte dir das besser gefallen? Zu weniger Selbstverleugnung geführt, dir das Weinen weniger verboten? Na siehste. Hast du da vielleicht schon mal drüber nachgedacht, kleiner Touristenmann – daß die fiese Frau dir vielleicht nur den Scheiß weitergereicht hat, der ihr selbst eingeblasen wurde, und mit dem im Namen eines seelenverkrampfenden Männlichkeitswahns kleine Jungs schon seit eh und je traktiert werden: daß Jungs nicht weinen dürfen, weil sie – egal wie klein – gefälligst keine Kinder, sondern gleich von Anfang an schon Männer zu sein haben? Und daß dies um so mehr wichtig sei, weil kein Mann zu sein, automatisch eine dieser minderwertigen anderen Kreaturen da zu sein hieße? Daß es das Erbe des Patriarchats ist, was dir da als vermeintliches Matriarchat entgegenschlug? Tjaja, so ist das nämlich. Und deswegen paß jetzt mal auf: Arschlöcher gibt’s überall, männliche und weibliche, und daß diese Lehrerin dich so niederträchtig behandelt hat, heißt weder, daß alle Frauen so sind, noch daß wir in einem Matriarchat leben. So wie umgekehrt – Überraschung – eben auch nicht alle Männer Schweine sind. Was weibliche Erzieherinnen dir da oft mitgegeben haben, war jedenfalls letztlich nichts anderes als genau die Rollenklischees, die ihnen ihrerseits als kleinen Mädchen von der patriarchalischen Gesellschaft eingetrichtert wurden, und Männer hätten dir auch nix anderes beigebracht. Und deshalb lassen wir uns jetzt von dieser Art Arschlöchern beiderlei Geschlechts mal nicht den Tag versauen, machen einfach immer unser Ding und geben uns so, wie wir sind und grad drauf sind, und Herr Sathom kauft dir ein Eis.

Daß übrigens die weibliche „Übermacht“ in der häuslichen und institutionalisierten Erziehung sich auch dem Umstand verdankt, daß Papi ja nie zu Hause ist, weil er draußen in der großen, bösen Welt – dort wo noch das Faustrecht unter männlich-herben Konkurrenten herrscht, ein Mann noch ein Mann, und eine Frau verdammt noch mal seine Sekretärin ist – den dicken Max markieren und unheimlich weltbewegende Sachen vollbringen muß (wie z.B. in der Kaffeepause frauenfeindliche Witze reißen), wird bei alledem – auch von Herrn Posener – tunlichst verschwiegen. Wie auch unreflektiert bleibt, daß das eigentliche aktuelle Dilemma eine patriarchatsgeborene Überforderung männlicher Kinder ist: daß sie eben (genau wie kleine Mädchen aber auch) nicht so sein dürfen, wie sie sind, sondern etwas sein sollen, das Geschlechterklischees ihnen vorschreiben, wobei das Neue an der heutigen Situation darin besteht, daß diese Anpassung ans Klischee, weil offenkundig nicht mehr realitätstauglich, später dann als Lebensrüstzeug natürlich komplett versagt (und, das soll nicht verschwiegen werden, weil sie natürlich mit ebenso realitätsfremden, konträr laufenden Forderungen mancher Frauen kollidiert). Praktischerweise geben scheinbar süffisante, in Wirklichkeit jedoch nur larmoyante Veröffentlichungen wie die des Herrn Posener nie an, wie denn eine Alternative zu den vermeintlichen Ursachen der ach so schlimmen Not des Mannes aussehen könnte. Daß man vielleicht Jungen wie Mädchen erlauben sollte, zu sein, wie sie sind, auch wenn die einen mal weinen und die anderen mal bolzen wollen, daß man sie Kinder sein lassen, ihnen also sie selbst zu sein gestatten könnte, anstatt ihnen vorzuschreiben, wie sie gemäß überholter Klischees zu sein hätten, so daß sie vielleicht in die ihnen angemessene, individuelle Version ihres eigenen Geschlechts hineinwachsen, wird jedenfalls nicht einmal angedacht – so daß zumindest die Frage statthaft ist, ob die männlichen Selbstbemitleider nicht einfach zu einer Gesellschaftsform zurück wollen, in der das Mackerprinzip eben noch realitätstauglich schien.

Und übrigens – weil’s grad erwähnt wurde – mal leicht off topic: die Überforderung des Mannes durch einander widersprechende, also niemals parallel zueinander erfüllbare Forderungen der Damenwelt ist etwas, liebe Jungs, das Ihr euch auch selbst zuzuschreiben habt. Denn es ist zwar blöd, aber wohl kaum ernsthaft verwunderlich, daß die Madames Euch mit denselben Methoden triezen, mit denen Ihr sie jahrhundertelang gequält habt (der double-bind, Heilige und Hure sein zu sollen, kommt eben jetzt als Forderung, Macho-Man und einfühlsamer Softie sein zu sollen, auf Euch zurück). Das Gleiche gilt für einen Überlegenheitsdünkel, mit dem sich moderne Frauen über manche wirklichen Sachverhalte hinwegtäuschen können: so ist es natürlich lästig, sich als Mann beispielsweise mit so blöden „Beweisen“ angeblicher weiblicher Überlegenheit rumschlagen zu müssen wie dem, Männer könnten sich nicht auf mehr als eine Sache gleichzeitig konzentrieren; aber auch daran habt Ihr selbst schuld. Denn mal Hand aufs Herz: wenn Eure Freundin/Ehefrau/Lebensabschnittssexualkontaktperson Euch was erzählen will, während Ihr Fußball guckt, ist es doch nicht wirklich so, daß Ihr eure Aufmerksamkeit nicht aufteilen könntet (wiewohl es hier sogar besser wäre, sie ihr ganz zuzuwenden) – Ihr wollt doch bloß einfach nicht, weil es Euch einen Scheißdreck interessiert, was die Olle wieder zu erzählen hat, wo’s doch viel wichtiger ist, daß Ihr Eurem Mittelstürmer grad zubrüllen müßt, daß er doch abgeben soll, die Flasche. Wenn die Mädels dann denken, Ihr wäret eben zu blöd, ist das doch, seid mal ehrlich, sogar viel bequemer für Euch, als würden sie erkennen, daß Ihr einfach nur gleichgültige, lieblose Neandertaler seid. Also worüber beschwert Ihr euch eigentlich.

Man wird Herrn Sathom nach alledem vielleicht einwenden, daß Herrn Poseners Artikel eine satirische oder ironische Zuspitzung darstelle, die gar nicht wahrhaftig Thesen wie die eines insgeheim herrschenden Matriarchats aufstelle; allein, Herr Sathom meint, daß gute Satire (die ohnehin ihrerseits ironische und auch sarkastische Gegenrede vertragen können muß) sich doch recht gut unterscheiden läßt von Rhetorik, welche nur Satire oder Ironie zu sein vorgibt, um sich gegebenenfalls – wenn kritisiert – hinter diesen Kategorien verschanzen zu können, der sich jedoch sehr wohl anmerken läßt, daß sich hinter der vermeintlich scherzhaften Übertreibung durchaus substantielle Vorstellungen abstrusesten (hier: gynophoben) Charakters verbergen. So kann auch Herrn Poseners Text nicht verhehlen, daß hier ein Beleidigter mit der Schläue des gekränkten Kindes für alle vermeintlichen Demütigungen, die ihm die böse Frauenbewegung bescherte, sich möchtegernhumoresk zu entschädigen gedenkt (ähnlich wie’s auch all die Spötter über „die 68er“ gern mit jenen tun, und dabei alle vom Hippie bis zum verbohrten Stalinisten in einen Topf werfen, weil sie damals keinen Joint abkriegten). Das Publikum, an welches sich solche Rede wendet, teilt jedenfalls ein gemeinsames Empfinden: an seinen jeweils individuellen Identitätskrisen sind die Emanzen schuld, die auch gleich noch flächendeckend die Jugend verderben, auf daß da ja keine richtigen Männer heranwachsen mögen. Es ist jenem Publikum nicht bewußt, daß Jungen und Männer (wie auch Mädchen und Frauen) schon immer wahnwitzigen Anforderungen der Selbstverleugnung und –verachtung ausgesetzt waren, nur daß man sie früher lehrte, dasjenige an sich, was gesellschaftlich als „weiblich“ galt, als Schwäche zu verachten, und damit die Frauen gleich mit, während sie heute in der Situation sind, daß derselbe Wahnsinn ihnen immer noch angetragen wird, sie aber zugleich mit einer konträr laufenden Forderung konfrontiert sind, so daß sie zwischen Hammer und Amboß zermahlen werden. Begreifen oder wissen wollen sie das nicht; Alternativen denken können sie nicht, oder fürchten, zu einer anderen Klischeefigur – dem metrosexuellen Androiden – mutiert zu werden. Ohne das Männlichkeitsklischee tradierter Art als Seelenkorsett können sie keine Männer sein – die Idee einer Vielfalt männlicher (und weiblicher) Identitäten aber, die natürlich von jedem Manne forderte, seine Identität in harter Arbeit selbst zu erringen, kommt ihrer Faulheit nicht entgegen (Frauen sind da übrigens oft nicht besser – auch sie wollen lieber die bequemen zwei Schubladen, in denen sie sich und das Mannsvolk unisono einsortieren können). An sich wollen sie das Patriarchat zurück (das wir ja immer noch haben, aber mit weniger Gratifikationen als zu Großvater Adenauers Zeiten), aber so ganz klappt’s damit (noch?) nicht, der Boden muß vielleicht erst mit noch mehr angeblichen, rhetorisch aufbereiteten und medial verbreiteten Schandtaten der verweiblichten Gesellschaft an gequälten Knabenseelen bereitet werden; und so quengeln sie einstweilen und beschweren sich, weil doch die Mädels so gemein zu ihnen sind, und kommen sich schlau vor, wenn sie ihr Gejammer mal in kecke Worte kleiden können.

Nee nee, in diesem Artikel (und den zustimmenden Kommentaren des Publikums) findet sich wirklich alles: die Unfähigkeit des Mannes, einfach er selbst zu sein, und Frauen unbefangen und selbstverständlich zu begegnen, sobald er nicht durch ein zu seinen Gunsten gestaltetes Korsett gesellschaftlicher Regeln sicher sein kann, als unhinterfragbar überlegen zu gelten; die gleiche Unfähigkeit, mit Frauen umzugehen, die ihrerseits nicht sofort sich einer Klischeeschublade zuordnen lassen; die aus mangelnder Souveränität geborene Feigheit vor dem Feind anderen Geschlecht; die Verlogenheit, die Schuld dafür den Frauen zuzuschieben und zu maulen, man „müsse“ ja lügen und sich vor dem Weibe verstellen (sonst was? fragt Herr Sathom; irgendwas, das außerhalb der Phantasie der betreffenden Herren überhaupt existiert?). Eben all das, was Herrn Sathom immer wieder zu der Frage führt: was ist mit Männern, die sich über die Verweiblichung der Gesellschaft beklagen, über die Benachteiligung der Jungen, die ganze von den fiesen Emanzen installierte Übermacht matriarchalischen Übelwollens, eigentlich los? Sind sie alle insgeheim verschüchterte, an ihrer Männlichkeit Zweifel hegende Jammperlappen, gar keine erwachsenen Männer – jedenfalls sofern man darunter unter reife, souveräne, mit Selbsterkenntnis und –akzeptanz ausgestatteten Erwachsene versteht, und nicht einfach solche, die halt irgendwie keine Kinder mehr sind, weil inzwischen zu alt, oder nur per Etikettierung Männer, weil niedrigpreisigen Klischees aus der Ramschkiste von vorgestern entsprechend?

Herr Sathom glaubt das gar nicht einmal; Viele davon sind sicherlich gute und sich immerhin für verantwortungsbewußt haltende Väter, stehen im Beruf ihren „Mann“, etc. Was ist es dann? Da das diesbezügliche Geschrei vor Allem aus der konservativen Ecke, der bürgerlichen Mittelschicht kommt, hat Herr Sathom einen anderen Verdacht: das Gezeter über das, was ein fieses Erbe finsterer Emanzen unseren armen Jungs antut, reiht sich nämlich perfekt der seit Jahren betriebenen Propaganda ein, welche die Familie als etwas rein positives zu reinstallieren und von aller Kritik freizustellen sucht, mit der sie seit den 1960ern traktiert wurde. Und zu dieser Propaganda gehört, daß egal was aus den Sprößlingen wird, ob sie im Leben scheitern, drogenabhängig werden, sich beim Komasaufen den Schierlingsbecher geben oder Amok laufen und sich die danach die Rübe wegschießen, vor allem eins nicht aber auch wirklich nie schuld dran ist: die Familie, das heißt: beide Eltern. Auch daß Jungen offenbar nicht als sozialkompetente, bildungsfreudige und nicht verhaltensauffällige, unbelastete Kinder aus der Grund- und durch die höhere Schule kommen, muß dann ja an allem möglichen anderen liegen – nur nicht daran, daß man jahrelang nicht mitbekommt, ob sie sich stunden- und nächtelang mit „Killerspielen“ den Verstand wegbrezeln (nicht wegen der Spiele, sondern weil sie in der Zeit weder schlafen noch ihre Hausaufgaben machen), sich mit ihren Handys Pornos aus dem Internet laden, oder was zum Teufel sie überhaupt treiben. Daß man konfliktscheu und unwillig, selbst etwas zu ihrer Erziehung zu souveränen, kommunikativen (d.h. mehr sagen können als „Ey Alter“), selbständigen und  lernfähigen Menschen beizutragen, sie im Grunde allein läßt. Da muß die Klage der Lehrerinnen (und wer hört in Deutschland eh schon auf Lehrer, oder nimmt sie gar ernst – wo kämen wir den hin) über Verhalten und Reife der Jungs natürlich gelogen sein – das wär ja noch schöner, wenn man sich auch noch um die Erziehung seiner Kinder kümmern müßte, anstatt zu erwarten, daß die Schule jeden Zombie wieder hinbiegt. Und auch daran, daß die deutsche Schule eher ein Aussortierungs- als ein Förderungssystem ist, darf nicht gerüttelt werden (unserer soll ja mal was besseres werden als der vom Nachbarn, ne); das darf nicht in Frage gestellt werden, auch wenn zu viele durchs Sieb hindurchfallen, also muß man „Diskriminierung“ brüllen und „die Jungs sind doch in Ordnung so“. Wieso Mädchen – wenn die Statistiken so stimmen – auch angesichts der häufig anzutreffenden Erziehungssituation besser klarkommen, wäre in dem Zusammenhang allerdings auch mal eine Untersuchung wert, die vielleicht auch den Jungs hilft (vielleicht liegt’s ja einfach daran, daß sie nicht mit lauter Macho-Bullshit zugeschüttet werden, der sie verhaltensauffällig macht). Aber Herr Sathom greift hier schon vor auf die folgende Besprechung des zweiten Artikels; und anders als dieser will er nicht behaupten, daß eine bestimmte Untersuchung mit Sicherheit dies und das erbrächte (s.u.).

Das ändert natürlich nichts daran, daß einige, die über das heimliche Matriarchat klagen, sich sicherlich auch das gute, alte Patriarchat zurück wünschen – dabei haben sie es noch, können so aber so tun, als gäb’s noch mehr davon nachzufordern. Vielleicht hören die Weiber ja dann auch wieder auf, einen so gruselig anzugrinsen, bewundern einen den ganzen Tag, während man im Feinrippunterhemd im Fernsehsessel gammelt, und bringen einem noch ein Bier. Zur Belohnung dürften sie dann lauschen, wie man weise über Gott und die Welt philosophiert (nur Männer können das wirklich) und ihnen erklärt, weshalb alles genau richtig so ist, wie es ist. Wär das schön.

So, nun aber noch einmal zu jenem Artikel, der Herrn Posener zur Wiederveröffentlichung seines früheren Geistesblitzes animierte.

Unter der Überschrift „Der Fehler der Jungs besteht darin, dass sie Jungs sind“ findet sich hier ein ideologiedurchtränkter Unfug, daß Herrn Sathom beim Lesen fast das Netzhautflimmern überkam (die gewünschte Interpretation des Artikels wird mundgerecht durch den Zusatztext „Michael Klein schildert die Benachteiligung von Jungen in der Schule und findet es empörend, dass Feministen darauf nur eine Antwort haben: Selber schuld!“ vorab geliefert). Ein clever gemachter Unfug allerdings, der die ideologische Deutung der aufgezählten Fakten geschickt suggeriert. Richtig ist: die schulischen Leistungen von Jungen nehmen ab. Eigenartig ist: wie Herr Klein die von den „Genderisten“ vermuteten Ursachen (siehe Artikel) angreift, weil sie keine empirische Grundlage hätten, selbst aber außer einer einzigen, nichts erklärenden statistischen Korrelation keinen kausalen Zusammenhang herstellen kann zwischen Anteil der Grundschullehrerinnen und Schulversagen der Jungen; denn er selbst stellt fest: „Forschung darüber, warum Jungen als Jungen Nachteile in der Schule haben, gibt es keine“ (die tatsächlichen Ursachen kennt er aber trotz fehlender Forschung genau). Der rhetorisch raffinierte Schachzug folgt: „[…] die Ursachen für die Benachteiligung von Jungen bleiben aber ungeklärt. Welche Rolle weibliche Lehrer dabei spielen und ob die Situation der Jungen dadurch verbessert werden könnte, dass mehr männliche Lehrer (so man sie denn finden würde) eingestellt würden – diese Fragen bleiben unbeantwortet.“ Tja, so macht man das: man erklärt, es gäbe keine Forschung, weshalb andere Erklärungsansätze als der eigene Unfug seien, und suggeriert dann, wenn man nur in diese Richtung forschte (was man selbst aber auch nicht getan hat), würde dabei exakt die eigene Ursachenbehauptung schon bestätigt werden. Wer auf solche Art und Weise Mutmaßungen anstellt, kann quasi alles vermuten – Aliens in Fliegenden Untertassen gibt’s vielleicht wirklich, man müßte nur mal richtig nach ihnen forschen. Immerhin haben ja schon viele Leute welche gesehen, statistisch betrachtet (Korrelation gesehener Untertassen und vorhandener Untertassen-Sichter) ist’s also doch sehr wahrscheinlich. So kann man fein zugeben, daß es keine gesicherten Erkenntnisse über die schulischen Nachteile von Jungen gäbe, und zugleich suggerieren, was denn die gesicherte Erkenntnis wäre (die, die einem in den Kram paßt). Witzig auch: die rhetorisch-suggestive Frage, was wohl wäre, wenn man mehr Lehrer einstellte, sofern man welche fände – wieso man keine findet, sondern nur Lehrerinnen, läßt der Antifeminist lieber unerörtert.

Endgültig jeder Glaubwürdigkeit geht der Artikel nach Herrn Sathoms Auffassung verlustig, wenn er konstatiert, daß Jungs von den Genderisten als „selbst schuld“ hingestellt würden (eine zynische Verdrehung eines Erklärungsansatzes, der nach Herrn Sathoms Ansicht eher die Not der Jungen erkennt), und behauptet, dies läge an einer tiefen Abneigung wider das „traditionelle Männlichkeitsbild“, weshalb Jungen umerzogen werden sollten, damit sie dem weiblichen Lehrpersonal besser in den Kram passen. Das hat schon beinahe etwas von Verschwörungstheorie an sich. Klein meint tatsächlich, den Genderisten zufolge bestünde das Problem der Jungen schlicht in ihrem Geschlecht, und fragt rhetorisch, weshalb dieses Geschlecht denn ein Problem sein soll (suggeriert also, daß dies irgendwer behauptet habe). Das Ganze hat System – womit allerdings nicht unterstellt werden soll, daß eine bewußte Absicht dahintersteckt, jedoch sehr wohl unwissenschaftliche Vorgehensweise und voreilige Interpretation von Fakten, weil die eigene ideologische Brille (die man nur auf der Nase der „Gegenseite“ sitzen sieht) dies nahelegt. Und so geht’s: zunächst einmal arbeite man, Differenzierungen stören ja nur, mit einem völlig unreflektierten Begriff von „Geschlecht“, ohne zwischen gender und sex (sozialem und biologischem Geschlecht) zu unterscheiden; so kann man wunderbar feststellen, daß Jungs aus keinem besseren Grund als dem diskriminiert würden, weil sie Jungs, also eben bloß deswegen, weil sie männlich sind. Was mit ihnen ansonsten los sein könnte, braucht man dann nämlich nicht mehr zu fragen – ist die Männlichkeit an sich nämlich als naturgegebenes und von jederlei analysierbaren Einflüssen unabhängig gedachtes Faktum konstatiert und somit rationaler Kritik entzogen, da Verhalten, Auffassungsgabe und Schultauglichkeit dann ja keinen sozialisationsabhängigen Einflüssen mehr unterliegen können, wird der Junge zu einem Jungen an sich, dessen Zustand nicht weiter hinterfragbar ist. Er ist eben ein Junge, und was mit ihm los ist – ob er vielleicht wirklich durch Sozialisationseinflüsse mehr und mehr schuluntauglich gemacht wird – muß und kann nicht mehr gefragt werden; es wäre, als fragte man, was mit einem Gänseblümchen los sei, wenn es blühe. Indem man so auch alle Eigenschaften des Jungen auf die eine reduziert, eben ein Junge zu sein, kann man konstatieren: er versagt eben in der Schule, weil er ein Junge ist – und da Jungssein nichts ans sich Schlechtes sein kann, muß das Schlechte woanders lauern. So läßt sich wunderbar behaupten, die Ursache müsse überall woanders, nur nicht bei den Jungs liegen – denn die sind ja eben nur Jungs, was immer das heißen mag, jedenfalls als solche für nichts verantwortlich, sie können ja nichts dafür, was sie (in einem höchst nebelhaften Sinne) halt irgendwie sind. Hat man so jede Möglichkeit, daß in unserer Gesellschaft bei der Sozialisation von Jungen etwas schiefgeht, das genau damit zusammenhängt, was als Junge gilt und aus den Kids gemacht wird, aus der Welt geschafft, muß ja irgendwer anders schuld an ihrer Not sein. Flugs zitiere man als „Beweis“ dafür, daß es die böswilligen weiblichen Lehrkräfte sind, eine eigene statistische Untersuchung, aus der man nur den einen Punkt hervorhebt, daß es da, wo mehr Jungen schulisch versagen, mehr Lehrerinnen gäbe; man frage erst gar nicht nach weiteren Korrelationen (etwa ob das Schulversagen einer sozialen Schichtverteilung entspricht), und hast du nicht gesehn, haben wir’s: die Lehrerinnen sind schuld. Sie müssen schuld sein, weil mit den Jungs – da das Aufwachsen von Jungen eben keinerlei weiteren Untersuchung unterzogen wird – ja alles in Ordnung sein muß, so wie sie in die Schule kommen (sind halt Jungs, und Jungs sind halt so, ne – wer was anderes sagt, hat ein Problem mit dem traditionellen Männlichkeitsbild, und das geht ja nu gar nicht). Da eben mit dem fiktiven Jungen an sich alles stimmen muß, kann man in weiterer Folge differenzierte Ansätze zur Ursachenerklärung, die auf den heimischen Hintergrund, die familiäre Struktur usw. zurückgehen, als Versuch denunzieren, den Jungen die „Schuld“ an ihrem Versagen in die Schuhe zu schieben – also behaupten, hier würde dreist Kindern eine moralische Schuld an etwas gegeben, für das sie nicht verantwortlich sind, ja, sie würden aufgrund ihres Geschlechts benachteiligt. Daß man damit Erklärungsansätze diskreditiert, welche die Jungen keineswegs „beschuldigen“, sondern durchaus ihre Not wahrnehmen, ist das Perfideste daran. Zuletzt versetze man jeder reflektierten Position noch den endgültigen Todesstoß: man erkläre einfach, daß es bisher keine empirische Ursachenforschung gäbe, und daß alle Erklärungsansätze der „Genderisten“ eben Schmu sein müßten; daß man selbst ebenfalls keinerlei empirische Ursachenforschung betrieben, sondern nur aus einer (möglicherweise zufälligen) statistischen Korrellation einen Ursachenzusammenhang konstruiert hat, läßt man dabei geschickter Weise unter den Tisch fallen. Mit anderen Worten: man unterschlägt, daß man selbst ebenfalls keine wissenschaftlich abgesicherte Erklärung hat, und wendet das Fehlen einer solchen ausschließlich gegen die Gegner, suggeriert aber frech, würde nur endlich mal jemand eine entsprechende Ursachenforschung betreiben, käme genau das heraus, was man selbst als Erklärung anbietet. Damit das ganze rund wird, plausibilisiert man die eigene These noch ein bißchen durch Hinzunahme irgendwelcher Vermutungen, die Ockhams Rasiermesser vor Ensetzen stumpf werden lassen würden: daß es ideologische Gründe dafür gebe, daß weibliche Lehrkräfte nicht schuld sein dürfen, daß lediglich eine Ablehnung der vorhandenen Männlichkeitsideale anderslautende Erklärungsansätze bestimme, daß die Lehrerinnen einfach ein Problem mit Jungs haben und diese nun ihren Bedürfnissen anpassen wollten (zwischen den Zeilen möglicherweise (Herr Sathom will’s dem Autor nicht als Absicht unterstellen, sagt nur, daß der Text dies suggeriert): die Ablehnung des Männlichen verursacht nicht nur die „falschen“ Erklärungen der „Genderisten“, sondern mööööglicherweise bereits die Diskriminierung der Jungen als solche – ja, diese versagen schulisch vielleicht nur, weil Lehrerinnen keine Jungs, die eben so sind wie wir Männers halt sind, gell, mögen – oder wenigstens nicht mit ihnen umgehen können).

Ein paar andere Kleinigkeiten – etwa, daß in der Grundschule schon immer mehr Lehrerinnen als Lehrer walteten, die explosive Verschlechterung der Schulleistung von Jungen hingegen relativ neu ist, lasse man einfach unter den Tisch fallen, und hey presto – das Emanzenpack richtet die armen Jungens zugrunde, und schiebt ihnen dann auch noch die Schuld dafür in die Schuhe.

Das ganze ist Ideologie, aufgehängt an einer armseligen statistischen Parallele, die in dieser Form rein zufällig sein kann – daß es absichtliche Inszenierung vermeintlicher Fakten ist, will behauptet Herr Sathom nicht, denn er weiß es nicht; es bleibt dann aber angesichts der aktuellen Forschungslage nur die Alternative vorurteilsgesteuerter Interpretation: man(n) „wusste“ es ja schon immer – von diesen Emanzen kann nichts Gutes kommen, und da haben wir’s nun endlich. Oh Freude. Letzten Endes hört Herr Sathom bei alledem die Rache an der Frauenbewegung tapsen – jetzt sind wir Männer die Benachteiligten, Diskriminierten, die Guten.

Herr Sathom schließt damit und geht mal pinkeln – ob im Stehen oder im Sitzen, geht Euch alle gar nix an.

😉

P.S.: Noch ein Wort zur Kommentierung von Herrn Poseners Blog-Artikel: die Darstellung des angeblichen Matriarchats mag, wer Herrn Posener zustimmen will, als satirische Zuspitzung – zumal aus dem Munde des „Touristen“, also nicht in der ersten Person vorgebracht – auffassen (und damit dem Verdacht, Herr Posener meine das Geschriebene bei allem humoristischem Tonfall ernst, entgegenzusteuern versuchen). Da Herr Sathom aber nur mit dem Text arbeiten kann, wie er vorliegt, und es letztlich für die Analyse der Einstellung des Herrn Posener irrelevant ist, ob er oder sein literarisches Alter Ego das Geschilderte exakt so oder nur ähnlich erlebten oder dachten, spielt dies letztlich für Herrn Sathoms Kommentierung der Sichtweise Herrn Poseners – auch wo diese Kommentierung sich satirisch an den fiktiven „kleinen Touristen“ wendet – keine beeinträchtigende Rolle. Sollte Herr Poseners Text satirisch zuspitzen oder übertreiben, wäre Herrn Sathoms Kommentierung desselben aus dem gleichen Grund ebenfalls keineswegs weniger valide – denn es kann davon ausgegangen werden, daß Herr Posener – selbst wenn in seiner Darstellung karikierend – an die in seinem Geschreibsel behauptete matriarchale Geheimherrschaft tatsächlich wenigstens anteilig glaubt, da einen solchen Text abzufassen ansonsten von vornherein vollkommen sinnlos wäre (desgleichen: sicher ist der Begriff des Matriarchats, wie ihn Herr Posener verwendet, metaphorisch aufzufassen; nichtsdestoweniger impliziert sein Text, daß er an die substantielle Existenz dieser Frauenherrschaft (auch wenn diese kein offiziell erklärtes Matriarchat darstellt) als gegeben sieht – wiederum wäre sein Text anderenfalls sinnlos).

P.P.S.: Um übrigens noch einmal auf das archaische Matriarchat zurückzukommen, das es irgendwie irgendwo irgendwann mal gegeben haben soll (siehe Einleitung): wie der Stand der Forschung hierzu an Wikipedia bisher spurlos vorübergezogen ist, ist schon fulminant. Nicht nur werden die Phantasien Bachofens und anderer Autoren beinahe (wenn auch nicht vollständig) kritiklos übernommen, sondern in aller Beiläufigkeit auch in themenverwandten Zusammenhängen als nachgewiesene Fakten gehandelt. So auch in einem Wiki-Artikel über die o.g. Erinyen, in dem mal eben so im Vorbeigehen von ihrer „ursprünglichen Bedeutung“ in „altem matriarchalen Kontext“ gefaselt wird (natürlich ohne jeden Beleg; Nachweise finden sich im weiteren Wiki-Artikel nur zu den griechisch-patriarchalischen Entstehungsmythen (für den modernen Comic-Fan unter den Jungs: den „secret origins“) der Erinyen – wie auch anders nicht möglich, es gibt nämlich keine anderen Quellen und somit auch keine Nachweise für einen matriarchalen Ursprung). Die jahrzehntelange Berieselung der Öffentlichkeit mit esoterischer „Frauen“-Literatur scheint nicht ohne Wirkung geblieben zu sein.

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Ein Gedanke zu „:: Die gemeinen Matriarchinnen“

  1. Mit Klischees auf Klischees zu antworten bringt natürlich keine weiterführende Kritik, sondern zementiert die Vorurteile durch Rückspiegelung.

    Die Verwendung der Begriffe Patriarchat und Matriarchat in der Diskussion – über Rollen- und Machtverteilung zwischen den Geschlechtern in auf bestimmte Überlebensressourcen, -techniken und -methoden gründenden Überlebenskollektiven mit entsprechender, kollektiv akzeptierter Weltanschauung gemäss miteinander Kommunizierender und Kulte Ausübender – ist eher mythisch oder ideologisch sentimental als historischen Belegen verpflichtet motiviert. Da kann nichts für besseres Verständnis für die instinktiven, intellektuellen und emotionalen Dynamiken zwischen den Geschlechtern Taugliches herauskommen.
    Ersten Ansätzen zu Deutungsversuchen bin ich im Werk von Robert von Ranke-Graves : „Griechische Mythologie, Quellen und Deutung“ begegnet. Vorher hatte der Begriff „Matriarchat“ für mich eher die Bedeutung einer Sage.

    Mir ist kein anderer Ansatz bekannt, der nach meinem bescheidenen Urteil versucht, das Thema konsequent methodisch zu erschliessen, als das Werk von Heide-Göttner-Abendroth über das Matriarchat mit
    Band 1 : Das Matriarchat, Geschichte seiner Erforschung
    Band 2/1 : Das Matriarchat, Stammesgesellschaften in Ostasien, Indonesien, Ozeanien
    Band 2/2 : Das Matriarchat, Stammesgesellschaften in Amerika, Indien, Afrika
    http://www.amazon.de/Das-Matriarchat-Band-Geschichte-Erforschung/dp/3170128493

    Diese Lektüre hat mich zum Schluss gebracht, dass Matriarchat nicht zeit-, zivilisations- und kulturübergreifend definierbar ist.
    Ferner hat sie mich nicht weiter als zur Vermutung gebracht, dass es weder Matriarchat noch Patriarchat je irgendwo in kontinuierlicher und konsequenter Reinkultur gegeben hat.

    Eine weitere Vermutung hege ich, dass Matriarchat und Patriarchat nicht als Gegensätze definiert werden können, weil sie das nicht sind. Sie sind, so vermute ich, vielmehr komplementäre Manifestationen in jeder
    Gesellschaft über Funktionen und Daseinsformen, die – in der betreffenden Gesellschaft – als eher weiblich oder eher männlich anmutende Eigenschaften haben und Bedeutungszuweisungen erlauben, ohne dass diese individuell, in jedem Fall zwingend nur der Frau oder dem Mann zugewiesen bzw. zugebilligt werden müssen.
    Sobald von einem konkurrenzierenden Gegensatz zwischen diesen beiden Dynamiken ausgegangen wird, wird es fast unmöglich, die Diskussion von ideologisch gefärbten Emotionen frei zu halten.
    Ich könnte mir vorstellen, die Domänen (Herrschaftsbereiche) des konkret alltäglich praktisch (ursprünglich „häuslich“) Intellektuellen als matriarchal, die des abstrakt, rein ideenhaft, abenteuerlich utopisch Intellektuellen – und Spirituellen – als patriarchal aufzufassen.

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