:: Seltsam? Aber so steht es im Katalog! (Verschwörungstheorien I)

Leute, die Lage ist ernst. Die fundamental-islamistischen, von sinistren US-Finanzmogulen (deren wahre Hintermänner die Invasoren von der Wega sind) finanzierten, sozialistischen Freimaurer-Illluminaten (jetzt neu und verbessert auch als „Krypto-Illuminaten“ erhältlich) sind unter uns – und zwar direkt unter uns, angesiedelt in von den Templern und den Weisen von Zion aufgegebenen Katakomben, direkt nebenan von den Maulswurfsmenschen und den unter der Antarktis hausenden, nach dem Zweiten Weltkrieg dorthin geflohenen Nazis, die nur darauf warten, mit ihren Vril-getriebenen Flugscheiben die Weltherrschaft an sich zu reißen. Irgendwas ist aber auch wirklich immer.

Aber ernsthaft: wenn Herrn Sathom etwas aufregt, dann sind es – neben der schwarz-gelben Koalition, dem Brutalkapitalismus und tausenderlei anderem Zeugs – Verschwörungstheoretiker. Manchmal, das gesteht Herr Sathom zu, sind diese ja immerhin ganz amüsant; zu Unterhaltungszwecken und fröhlicher Erbauung goutiert Herr Sathom ihr Geschwafel sogar gern, so lang sie jedenfalls nur von außerirdischen Invasionsplänen, der wahren Entstehungsgeschichte der ägyptischen Pyramiden oder allerlei Tand über den 21.12.2012 schwafeln, einen Tag, an dem nämlich der Planet Fidibus – was? Wie? Ach so. Herrn Sathoms Gedankenkontrolleur teilt ihm grad mit, das Ding heiße Nibiru – über uns kommt, so daß man sich an selbigem Datum allem Vernehmen nach wohl besser vorsehen sollte, sofern man nicht über die richtigen feinstofflichen Veibräischns oder eine durchgeladene Phasenpistole verfügt.

Der Planet Nibiru meint's ernst
:: Leg Dich nich mit dem Planeten Nibiru an, Alter --- (Bild Copyright © 2009 Sathom)

Sauer macht’s Herr Sathom jedoch, erfüllt ihn mit heiligem Zorn gar, wenn das nichtswürdige Pack sich ganz bestimmter Themen bemächtigt, nämlich solcher, die auch dem allgemein bewußt und kritisch denkenden Menschen am Herzen liegen müssen: nämlich etwa der Kapitalismus-, Herrschafts- und Medienkritik oder ökologischer Fragestellungen. Diese okkupiert das realitätsferne, aber veröffentlichungstechnisch sehr rege Völkchen, und vermischt sie mit seinen eigenen Spintisierereien, was wohl nachvollziehbarerweise  der ernsthaften Behandlung jener Fragen kaum nützlich ist – ihr eventuell, wie Herr Sathom aufzuzeigen gedenkt, sogar schadet. Und zwar dieweil viele die mit den Aussagen begründeter Kritik gewürzten Verschwörungstheorien möglicherweise nicht leicht von fundierten Aussagen zu scheiden wissen, und umgekehrt, weil sie den Apologeten kritikwürdiger Zustände ein Argument liefert, auch reflektierte, begründete Kritik einfach qua Hinweis auf die Ähnlichkeit in den Ruch von Konspirationsgefasel zu bringen.

Letztlich ist diejenige Art von Kritik, die Herr Sathom hier als „begründet“ bezeichnet, eine solche, die den Versuch unternimmt, qua Aufklärung den Subjekten die Möglichkeit zu verschaffen, ihrer Interessen und deren Gefährdung gewahr zu werden, die Entscheidung darüber mit zu beeinflussen, wie die Gesellschaft sich entwickelt, und am Diskurs teilnehmend ihr eigenes Geschick mitzubestimmen; wozu diese Kritik unter anderem oligarchische, undemokratische Methoden, nur bestimmten Interessengruppen einseitig das Zepter zu überlassen, bloßstellt. Aufdeckung medialer Manipulation (oder zeitgeistgesteuerter Weltdarstellung) und lobbyistischer Einflußnahme gehört ebenso zu ihrem Handwerkszeug wie die Darstellung der Konsequenzen, welche das Handeln bestimmter Interessengruppen für die Allgemeinheit hat. Auch eine fundierte Wissenschaftskritik, welche ideologische oder interessengeleitete Hintergründe vorgeblich objektiver Erkenntnis analytisch beleuchtet, muß Anliegen solcher Kritik sein. Der Typus von Verschwörungstheorie, den Herr Sathom im Folgenden zu besprechen gedenkt, greift nun Ergebnisse und Themen solcher Kritik auf, entfremdet sie ihrem ursprünglichen Zweck und Anliegen, und verwendet sie als Versatzstück realitätsferner Phantasmen, um letzteren eine gewisse Plausibilität, einen scheinbaren Hauch Realismus zu verleihen, und um das Publikum glauben zu machen, es fände seine Interessen, seine Bedürfnis nach Transparenz und nach handlungsmächtig machender Aufklärung in diesen Phantasiegebilden widergespiegelt – ein fataler Irrtum, da das verschwörungstheoretische Konstrukt von gesellschaftlichen, politischen und sozialen Realitäten so weit entfernt ist wie der Delta- vom Alpha-Quadranten.

All dies läßt es dem Herrn Sathom angebracht scheinen, eine kritische und auch skeptische Weltsicht einerseits von wirren Phantasmen andererseits einmal ganz explizit und fein säuberlich zu trennen. Dabei wird sein Augenmerk weniger der komplett versponnenen Verschwörungstheorie, als einem anderen Phänomen gelten: nämlich der seriöse Kritik vortäuschenden Konspirationsfabel, welche Motive des kritischen Diskurses aufgreift, und sich dadurch als Teil desselben maskiert, jedoch tolldreist realitätsferne bzw. irreführende Erklärungsmuster anbietet, und ihrer Variante, deren Deutungsmuster weniger auffällig irr sind, da ihnen das übernatürliche oder außerirdische Element fehlt, die jedoch ebenfalls von wirklichen Hintergründen ablenkt (und die Herr Sathom für weitaus gefährlicher hält).

Leugnet Herr Sathom die Existenz obskurer Verschwörungen nur, weil er selbst einer angehört? --- (Bild Copyright © 2009 Sathom)
:: Leugnet Herr Sathom die Existenz obskurer Verschwörungen nur, weil er selbst einer angehört? --- (Bild Copyright © 2009 Sathom)

Wie kommt nun Herr Sathom drauf, sich aktuell über derlei zu erregen? Nun, ihm fiel kürzlich ein lustiger Bestellkatalog des Kopp-Verlags (seines Zeichens auf Verschwörungstheorien und Pseudowissenschaften spezialisiert) in die Hände, der sowohl selbst verlegte Pamphlete als auch Werke anderer Verlage an die Leichtgläubigen verramscht; und was er darin fand, ließ ihn bei allem Grinsen über die feilgebotenen Erzeugnisse wirrer (aber sicherlich geschäftstüchtiger) Geister doch kalten Zorn in sich aufsteigen spüren. Denn in jenem Katalog („KOPP Aktuell – Bücher, daß Ihnen die Augen tränen die Ihnen die Augen öffnen“) paradieren eben Beispiele für das soeben beschriebene. Und so nimmt Herr Sathom den Katalog zum Exempel, um anhand der Schundliteratur, die dieser präsentiert, vorzuführen, wie das Banditenpack der Verschwörungsschwafler vorgeht, sich begründeter, analytischer und reflektierter Gesellschaftskritik anähnelt. Dabei wird auch aufzuzeigen sein, wie die spezielle Art von Blödsinn, die Herrn Sathom so erregt, sich von den leicht als Quatsch durchschaubaren UFO- und Atlantis-Theorien unterscheidet, und deshalb schwerer als Verschwörungstheorie zu identifizieren ist; allerdings eben doch als solche identifiziert werden kann. Insofern: Herrn Sathoms Vortrag ist lang, doch keine Sorge – es kommt genug Kasperlquatsch über fliegende Untertassen und dergleichen mehr darin vor, daß es einem nicht langweilig werde.

Nebenbei: Herr Sathom bezog sich beim Abfassen dieses Artikels ursprünglich auf die Oktober-Ausgabe des betreffenden Katalogs; sofern der November-Katalog inhaltliche Abweichungen aufweist, benennt Herr Sathom diese im Folgenden (Herr Sathom war in letzter Zeit stark arbeitstechnisch eingespannt und fand nicht die Zeit, diesen doch recht umfänglichen Artikel zu vollenden, so daß er eben von der Neuerscheinung überholt wurde –  was allerdings, sofern es einen Unterschied macht, von Herrn Sathom berücksichtigt wurde). Die im Folgenden zitierten bzw. kommentierten Werbetexte aus dem Katalog lassen sich auch auf der Website des Kopp-Verlags einsehen, indem man nach den Buchtiteln sucht und dann auf die angezeigten Titel klickt, um den kompletten Text zu einzusehen. Herr Sathom konnte die Werbetexte leider nicht direkt verlinken, da das Shop-System der Kopp-Seite bei jeder Anzeige der kompletten Buchwerbung Zufallslinks mit leicht abweichenden Zahlen- und Buchstabencodes generiert (Herr Sathom hat’s getestet), also keine Permalinks setzt. Die daher leider unvermeidbare Umständlichkeit bei der Quellenprüfung und -kritik bedauert Herr Sathom. Die Website-Werbetexte weichen teilweise geringfügig von denen des Katalogs ab, doch hat Herr Sathom Acht gegeben, sich hier nur auf Werbeaussagen zu beziehen, die auch online nachvollziehbar sind. (Insofern: Herr Sathom hat die Abfassung dieses Artikels aus genannten Gründen nun genug Zeit gekostet, und das Ding muß endlich mal fertig sein; man gehe ihm also nicht mit dem Dezember-Katalog auf den Keks. Man halte sich zwecks eigener Recherche ggf. an die Website.)

Aber nun geht’s endlich los, und Herr Sathom stellt erst einmal vor, was sich in besagtem Katalog so findet.

Paradieren dort im Abschnitt „Verbotene Archäologie“ noch die altbekannten Schreckgestalten Herrschaften à la Däniken, seiern von Wiederkehr der Astronautengötter im Jahre 2012 und davon, wie sie Atlantis fanden und wer’s gebaut hat (als ob nicht jedes romanheftchengeschulte Kind längst wüßte, daß es die Arkoniden waren), dieweil die Betitelung jener Katalogrubrik suggeriert, daß hier von gleich der römischen Inqusition agierenden Mächten des Bösen (der etablierten Wissenschaft nämlich) in konspirativer Weise mutwillig unterdrückte Wahrheiten und Geheimnisse zum Verkauf stünden, widmet sich die Rubrik „Enthüllungen“ mehr gegenwärtigen Themen.

Die dort zuerst von Herrn Sathom bemerkte Anzeige betraf ein Buch eines Herrn Udo Ulfkotte, „SOS Abendland“ geheißen (Katalogseite 81); vor der schleichenden Islamisierung jenes sonnenuntergangsgeküßten Landes warnt besorgt des Werkes Untertitel. Mit dem Islam hat’s dieser Herr Ulfkotte allerdings wirklich, und mit der CIA auch, wie Herr Sathom angesichts weiterer angepriesener Ulfkottescher Elaborate sogleich feststellen durfte (die CIA, dies kurz zur Erinnerung, ist jene Organisation, die uns schon einst im Verein mit dem Buchstaben H darüber aufklärte, daß Bert böse ist, ältere Internetnutzer werden sich wohlig erinnern). Ein anderes Machwerk aus desselben Herren Feder etwa, „Vorsicht Bürgerkrieg!“ (Katalogseite 87), dessen Untertitel („Was lange gärt, wird endlich Wut“) dichterische Ambitionen enthüllt, zeigt prophetisch, was todsicher auf Deutschland zukommt (weil nämlich eben von der CIA fürs Jahr 2020 prognostiziert – derselben CIA, wohlgemerkt, die sich noch nie geirrt hat und auch was von Massenvernichtungswaffen im Kartoffelkeller Saddam Husseins wußte): Unregierbarkeit nämlich, Bürgerkrieg gar, jeder gegen jeden und alle mittendrin. Nicht nur links und rechts und arm und reich, nein, natürlich auch Ausländer und religiöse Fanatiker werden sich alle gegenseitig abmurksen – aber keine Sorge, Herr Ulfkotte kennt und nennt die prognostizierten Brandherde, weiß, welche Regionen die Sicherheitsbehörden schon abgeschrieben haben, und hilft: sein Schmöker rät, wo man wegziehen sollte, was man auch sonst tun kann, um sich und seine Familie „noch rechtzeitig zu schützen“ (Werbetext). Und all dies sogar noch servicetechnisch ausgefeilt: enthält das Buch doch, weiß die begleitende Reklame, eine schicke Deutschlandkarte mitsamt eingezeichneten bürgerkriegsgefährdeten Gebieten, benutzerfreundlich zum Herausnehmen. Sehr praktisch, findet Herr Sathom, falls der Bürgerkrieg ausbricht, während man gerade unterwegs ist – im Zweifelsfall braucht man dann gar nicht mehr vergeblich heimzufahren, wenn das eigene Häuschen  im Notstandsgebiet liegt und vielleicht schon abgefackelt wurde, sondern kann gleich in eins der sicheren Gebiete düsen. Nun braucht der angstgeplagte Mittelschichtbürger nichts mehr zu fürchten: dank Herrn Ulfkotte weiß er, wie er sich, sein Auto und (wenn es sich ergibt) seine Lieben aus den von Migranten, Prolls und Zombies verseuchten Todeszonen in sichere Gefilde retten kann. Obwohl ein leiser Zweifel Herrn Sathom beschleicht: ein echter Service, diese Karte, an sich untypisch für Deutschland – womöglich dient das Buch einer ausländischen Verschwörung mit doppeltem Boden? Will die CIA (oder Bert?!) uns via Herrn Ulfkotte als getäuschter, bewußt mit Falschinformationen gefütterter Marionette in einen herbeigeredeten Bürgerkrieg treiben?

Aber na ja – sollte das Buch zur Folge haben, daß die ganzen protestantischen Prenzelyuppies aus Berlin wegziehen, weil hier vielleicht bald die Armen und die Migranten randalieren, würde das Herrn Sathom nicht einmal unzufrieden stimmen (doch was muß Herr Sathom sehen, auch Neukölln ist kurz vorm Überkochen – vielleicht sollte er doch endlich seinen Atombunker fertigbuddeln).

War er jedenfalls angesichts solcherart enthüllter Gefahren noch immer nicht bereit, sein Mad Max-Outfit anzulegen und den letzten V8 warmlaufen zu lassen, gab dem Herrn Sathom ein weiteres beworbenes Werk Herrn Ulfkottes den Rest: in „Heiliger Krieg in Europa“ (Katalogseite 80) enthüllt dieser den „Masterplan der Muslimbruderschaft“ (Werbetext), die Europa „seit Jahrzehnten systematisch unterwandert“ (ebenda) und die Niederwerfung der Welt durch die Muslime nach Abschluß von „Phase 7“ jenes Plans für das Jahr 2020 (schon wieder dieses verdammte Jahr! Was ist denn aus 2012 geworden?) prognostiziert. Herr Sathom hört die guten alten Protokolle der Weisen von Zion – nur mit anderem Feindbild versehen – rascheln, wenn er solch gequirlte  Scheiße liest. (Und ehe man Herrn Sathom mißversteht (oder gern mißverstehen möchte): er unterstellt Herrn Ulfkotte ausdrücklich keinen Antisemitismus (was in diesem Zusammenhang ohnehin schwachsinnig wäre), und ebenso keinerlei enstprechende oder ähnliche gegen Muslime gerichtete Gesinnung. Herr Sathom verweist auf jene Protokolle lediglich metaphorisch, um durch Hinweis auf deren Absurdität den seiner Auffassung nach paranoiden, ebenfalls komplett absurden Gehalt der Idee einer von Verschwörern absichtlich betriebenen Zerstörung der westlichen Zivilisation aufzuzeigen).

Pikant ist, daß sich derlei Machwerke in derselben Rubrik und unmittelbaren Nachbarschaft der „Kritik der reinen Toleranz“ des intellektuellen Herkules Henryk M. Broder, aber auch des Buches „Der Multikulti-Irrtum“ der vielhofierten Madame Seyran Ates finden; ob Frau Ates, die ja korrekt beobachtet und zu Recht kritisiert, was an der Bildung von Parallelgesellschaften und dem Verhalten mancher Migranten nicht zu dulden ist, aber irgendwie die Ursachen verwechselt – nicht Multikulti, sondern Ignoranz, vor allem aber fortwährende, jahrzehntelange Feindseligkeit gegenüber Migranten und die Weigerung, sich als Einwanderungsland zu erkennen, führten nach Herrn Sathoms Auffassung zur Bildung von Parallelgesellschaften; die, welche die Entwicklung jetzt beklagen, haben sie also selbst herbeigeführt, nicht irgendwelche Multikulti-„Spinner“, denen sie jetzt die Schuld zuschieben – ob Frau Ates also sich in solcher Nachbarschaft wie der des Herrn Ulfkotte wohlfühlt, fragt sich Herr Sathom ernstlich. Pikant auch, daß der Werbetext für „SOS Abendland“ auch eine Lobhudelei des Herrn Ralph Giordano für das betreffende Machwerk beinhaltet (ob welcher Lobrede Herrn Giordano auch schon intellektueller Selbstmord bescheinigt wurde). Solche Akzeptanz gediegenen Schwachsinns auch seitens eines etablierten Intellektuellen, wie auch die Präsentation neben Büchern wie dem der sicher nicht des Verschwörungstheoretisierens verdächtigen Frau Ates sei hier betont, um aufzuzeigen, weshalb Trennschärfe zwischen reflektierter Herrschafts- und Gesellschaftskritik einerseits und Verschwörungsgefasel andererseits so wichtig ist: die Nähe der Präsentation suggeriert, auch vermittels entsprechender Werbetexte (zum Werbetext zu Frau Ates’ Buch unten mehr), eine inhaltliche Nähe, welche die Verschwörungstheorien glaubwürdiger machen soll, die Glaubwürdigkeit der vernünftigeren Schrift hingegen beschädigt (nicht, daß Herr Sathom nun deswegen irgendeiner Äußerung von Herrn Broder je den Rang höherer Erkenntnis zugestehen würde, aber man versteht das Prinzip, gell). Um so mehr scheint solche Trennschärfe auch gefragt, als Manche Herrn Ulfkotte tatsächlich für so etwas wie einen investigativen Journalisten halten, obwohl er sich oft genug blamiert hat (indem er einstens etwa die von einer österreichischen Künstlergruppe in satirischer Absicht verbreitete Forderung, der Alpen Gipfelkreuze durch Halbmonde zu ersetzen, für bare Münze nahm und flugs als Beleg für seine Thesen publizierte, und ein anderes Mal auf eine drollige Zeitungsente hereinfiel – siehe zu beidem hier und hier).

Allein, das Lob Herrn Giordanos bedeutet noch mehr: daß nämlich eine Neigung, Konspirationstheorien zu verfallen, keineswegs allein die Sache ungebildeter Deppen aus der Unterschicht ist, wie sich mancher vom Bildungsdünkel heimgesuchte Gymnasialabgänger vom Typus „ZEIT“-Leser wohl schmeicheln mag. Passen die eigenen Vorurteile, stimmt die Theorie mit den eigenen Erwartungen überein, ist auch in gebildeten (oder sich dafür haltenden) Kreisen ganz schnell Schluß mit Quellenkritik, Reflexion und all dem lästigen Kram, von dem man nur Kopfschmerzen bekommt.

Nun mag der oder die geneigte Leser/in argwöhnen, daß die Nähe rein zufällig sei, in welcher die Werke nicht verschwörungstheoretischer (wenn auch gelegentlich – oder regelmäßig – irrender) Autoren zu Titeln, die eben verschwörungstheoretische sind, im Katalog präsentiert werden; denn es mag ja sein, daß der Verlag eben beiderlei bietet, und nur themenbedingt die enge Nachbarschaft entsteht. Allein, Herr Sathom meint angesichts der überwiegenden Mehrzahl der konspirationsbezogenen Wälzer und des Rufs, dessen besagter Verlag sich erfreut, daß die unverdächtigen Werke entweder rein zum Zwecke der Bemäntelung, um die weniger seriösen Büchlein glaubwürdiger scheinen zu lassen, oder weil man sie irrtümlich tatsächlich für desselben Weltbildes teilhaftig hält, im Katalog firmieren (unangenehm jedenfalls der Nachgeschmack, den solch enges Beieinander hinterläßt).

Denn was den überwiegend verfolgungswahnhaften Charakter des Versandprogramms betrifft, geht es ja noch weiter, hier häuft sich Werk auf Werk. Bereits erwähnt wurden die Schriftrollen der antiarchäologischen Zunft, darunter die des Herrn von Däniken (in Fankreisen EvD genannt); doch zu seiner großen Freude fand Herr Sathom unter den propagierten Autoren auch den berühmt-berüchtigten Herrn Jan van Helsing (alias Jan Udo Holey) wieder, welcher Herrn Sathom schon zu Zeiten seines Religionswissenschaftsstudiums großen Spaß bereitete. Daß der alte Pirat noch lebt, wo ihn doch eigentlich die Illuminaten längst gemeuchelt haben müßten, hätte er jemals wirklich etwas über sie gewußt oder enthüllt, das wärmt dem Herrn Sathom das Herz. Er erinnert sich noch, wie der Gute einst fabulierte, Herr Helmut Kohl sei in Wahrheit ein jüdischer Weltverschwörer namens Henoch Cohn (wofür Herr van Helsing weder Quellen noch Informanten nannte, natürlich nur, um diese zu schützen – Sie wissen schon, die Killer der Illuminaten), was den Herrn Sathom herzlich lachen ließ. Allerdings scheint Herr van Helsing – ein Pseudonym, das den ehrenwerten Peter Cushing, vom Herrn Stoker ganz zu schweigen, im Grab rotieren lassen müßte – inzwischen auch unter die Lebensberater gegangen zu sein: gemeinsam mit einem „Dr. Dinero“(!) offenbart er den sicheren Schlüssel zu Geld und Erfolg, den uns üble Geheimbündler vorenthalten wollen, auf daß nur sie selbst prosperieren – mit anderen Worten: nebenbei wird uns die wahre Ursache der weltweit immer mehr auseinanderklaffenden Schere zwischen Arm und Reich enthüllt (in: „Das eine Million! (sic) Euro Buch“, Katalogseite 69). Der Werbetext zu einem anderen seiner Machwerke hingegen fragt, ob man weiterhin gelebt werden, oder sein Schicksal in die eigenen Hände nehmen wolle, wobei natürlich des Herrn van Helsing Büchlein hilft.

Überhaupt bleibt beim Herrn van Helsing kein Auge trocken: denn auch den Sensenmann persönlich hat er laut Werbtext aufgespürt und interviewt, wobei jener ihm enthüllte, wer er (also der Sensenmann, nicht der Herr van Helsing) sei, wo er die Leute nach dem Tod hinbringe, und was er sonst noch an Berufsgeheimnissen habe (in „Wer hat Angst vor’m schwarzen Mann…?“, Katalogrubrik „Phänomene“, Seite 24 der Oktober-Ausgabe). Mann, der Herr Sathom hält den Atem an – was für ein Kerl, dieser van Helsing. Hält ganz cool einfach so dem alten Freund Hein ein Diktiergerät unter die verweste Nase. Herr Sathom fand es sehr schade, daß anstelle dieses Titels in des Katalogs November-Ausgabe nunmehr ein anderes Buch prangte.

Doch wie auch immer – so wie viele andere im Katalog vorgestellte Machwerke lebensberatenden Charakters, die Erfolg, Reichtum, Liebe und Immunität gegen Kryptonit versprechen, bedient sich Herr van Helsing der oben erwähnten Floskel vom „gelebt werden“ allerdings nicht, um Fragen der Fremdbestimmung und Emanzipation des Subjekts kritisch oder psychologisch zu erörtern, sondern um – wie andere Autoren auch – flugs zu einer an sich neoliberalen, hier jedoch mit magischen Vorstellungen verzinkten Stereotype zu finden: Geld (gefolgt von Erfolg und weniger wichtigem Zeug wie Liebe) kann man mit der richtigen Einstellung  herbeidenken, künden die Reklametexte zu fast all diesen Werken, man ist also einzig und allein selbst des eigenen Glückes omnipotenter oder eben omnifallibler Schmied; im Fall von Herrn van Helsings Buch verhält es sich allerdings so, daß man anhand irgendwelcher Zeichen, die der Kundige zu deuten weiß, die richtigen Momente für Investitionen, Berufswechsel usw. erkennen kann – ein Geheimwissen, das böse Mächte im Hintergrund lieber für sich behalten möchten. Doch egal wie nun das Geheimrezept lautet: beherrscht man es nicht, liegt’s an einem selbst – oder daran, daß finstere Geheimgesellschaften, die über das Geheimnis des telepathischen Monetenchannelns verfügen, dieses den Massen vorenthalten. So oder so – eine sozialkritische oder analytische Perspektive bleibt von vornherein ausgeblendet; entweder ist man, ganz wie’s die Ideologien von Kapitalismus und Spaßgesellschaft auch wollen, an eigener Armut oder sonstigen Wehwehchen selber schuld, weil man halt nicht die richtige Einstellung hat, die das Gewünschte gemäß gängiger Coachingmythen schon herbeizaubert, oder finstere Intriganten betrügen einen um die Kenntnis, wie man es besser haben könnte. In beiden Fällen bleiben tatsächliche Ursachenzusammenhänge wachsender Armut, sozialer Verwerfungen etc. ausgeblendet. Was der alte Marx Verschleierung nannte, hier wird’s zelebriert at it’s best.

Interessant ist, wie in solchen Lebensberatungsschmökern (und nicht nur den esoterischen) Motive der Aufklärung aufgegriffen und verdreht werden. Zu diesen Motiven gehört das Streben nach Selbstverbesserung ebenso wie das das nach Emanzipation, Selbsterkenntnis und Selbstbestimmung. Nun wurde das Anliegen der Perfektibilität des Menschen, das die frühen Aufklärer umtrieb, ja bereits früh gewendet in die Forderung einer unreflektierten, größtmöglichen Anpassung an Leistungsanforderungen, hinter denen sich Ausbeutungsinteressen Dritter verbergen; das Streben, sich zu einem annähernd vernünftigen Subjekt aufzuklären, wurde zur Suche nach den besten Mitteln zu solcher Selbstnutzbarmachung. Die als Erkenntnisvermögen gedachte Vernunft verkam zur rein instrumentellen, zum Mittel, nach den jeweils ökonomischsten Wegen der totalen Verwertung der Welt, und auch des Menschen, zu suchen. Das ursprünglich politische Anliegen des Bürgertums, sich von despotischer Fremdbestimmung zu emanzipieren (das viel später auch zu einem Anliegen gesellschaftlicher Gruppen und letztendlich, privatim, der einzelnen Subjekte selbst wurde), blieb dabei stets ein aufklärerisches Gegenpotential. Jedoch die neoliberale Ideologie nahm beides – Perfektibilitätsstreben und emanzipatorisches Anliegen – und wandte diese zu einer Ideologie, welche den Einzelnen zum Einzelkämpfer erklärt, isoliert und entsolidarisiert, indem sie strukturelle und systemische Zusammenhänge verschleierte und dem Subjekt weismachte, was immer ihm widerfahre, sei nicht Ergebnis ökonomischer Interessenlagen und entsprechenden Handelns von Interessengruppen, sondern läge allein in seiner als schon nahezu omnipotent skizzierten Macht (und somit Verantwortung), welche wiederum basiert auf seiner Einstellung, und jedes Scheitern sei somit allein persönliches Versagen. Die zu diesem Zweck auch angewandte Zweckentfremdung vulgarisierter Erkenntnisse der Psychoanalyse, Psychologie, Soziologie und anderer Wissenschaften fanden in dieser verballhornten Form auch Eingang in eben jene Lebensberatungsliteratur und Coachingideologie, welche dem Subjekt verspricht, es zu gesellschaftlichen Anforderungen kompatibel zu gestalten und ihm jene Güter zu verschaffen, die als Ausdruck von Glück, Erfolg, kurz, davon, es „richtig“ gemacht zu haben und „in Ordnung“ zu sein, gelten. Dies, nebenbei bemerkt, bereits ein Anliegen von Diätetiken und anderen Ratgebern bereits zu Kants Zeiten – die instrumentelle Vernunft war von Anfang an dabei (und ihre Versprechen vielleicht eher Movens des Erfolges der Aufklärung, als edlere Anliegen es waren). Die Ideologie des „du kannst alles, wenn du nur willst, und wenn’s schiefgeht, hast du eben nicht richtig gewollt“ hat zu guter Letzt auch Eingang in die esoterische Lebensberatung gefunden – hier wird die angestrebte Omnipotenz (die als Vorstellungsmotiv eben dazu dient, den Erfolg als alleinig vom Subjekt abhängig darzustellen) als mittels magischer, naturalistisch-monistischer Mittel erreichbar dargestellt: liebe das Geld, dann wird’s sympathetisch angezogen schon zu Dir gesaust kommen; kommt es nicht, hast Du wohl noch Blockaden etc. und liebst es nicht genug. Die verschwörungstheoretische Variante mildert die Macht und Last der Eigenverantwortung wiederum ein wenig: du könntest schon omnipotent sein, aber Bösewichte enthalten dir das Wissen vor, wie.

Die neoliberale Lesart des eben Beschriebenen lautet etwa so: in Zeiten, da trotz erwirtschafteter Profite zwecks weiterer Gewinnmaximierung Massenentlassungen stattfinden, den Menschen immer mehr Billiglohnjobs aufgezwungen werden (man sie also am von ihnen erwirtschafteten Profit immer weniger beteiligt) etc., sind nicht etwa Profitinteressen und Handeln Weniger, die all dies veranlassen, für die wachsende Benachteiligung der Mehrheit verantwortlich; vielmehr waltet „der Markt“, ein als Naturgewalt oder –gesetz gedachtes Etwas, das irrtumsfrei, unkritisierbar und am Ende alles stets zum Guten wendend gedacht wird, und wer dabei unter die Räder kommt, ist eben selbst schuld, ein Versager, entspricht nicht den Anforderungen dieser harten, sozialdarwinistischen Welt, die als eben solche prima in Ordnung ist. Er ist den „Gesetzen des Marktes“ – einer kosmischen Ordnungsmacht – gegenüber schuldig, ihnen nicht hinreichend zu entsprechen. Die esoterische Variante hingegen wäre: auch in Zeiten, in denen es wie oben beschrieben zugeht, kann man unabhängig von anderen Faktoren qua richtiger Einstellung jedweden Erfolg herbeizaubern – ist man nur in Einklang mit Schicksalsmächten und Universum, bringen die einem schon entgegen, was man durch das richtige Denken und Empfinden anzieht (es gibt sogar Bücher und Kurse für’s richtige Wünschen, das dann auch aber hallo funktioniert). Gelingt einem das nicht, ist man entweder wie gehabt selbst schuld (falsche Einstellung, zu pessimistisch etc.), oder finstere Mächte enthalten einem halt das Wissen vor, wie es richtig ginge. Für beide Weltdeutungssysteme, das neoliberale wie das esoterische, gilt: es gibt eine Weltordnung, die an sich richtig ist, allein weil sie eben da ist, und mit der man im Einklang sein muß, und aus welcher man nur dann herausfällt, wenn eben mit einem selbst etwas nicht in Ordnung ist, nicht stimmt, wenn man unpassend, unfit for survival ist. So sind sich beide Weltsichten ironischerweise darin gleich, daß sie naturalistisch-monistisch argumentieren: Erfolg ist Ausdruck von nichts Geringerem, als den Regeln der vermeintlichen Ordnung des Kosmos, wie das jeweilige Weltbild sie skizziert, zu entsprechen, im Einklang mit ihnen zu schwingen, Mißerfolg (unter Ausblendung aller anderen rational kritisierbaren Faktoren) Ausweis davon, daß man gemessen an den Gesetzen der kosmischen Ordnung fundamental fehlerhaft ist.

Aber weiter im Text, denn nun wird’s erst recht interessant, was Herrn Sathoms Unterfangen der Scheidung kritischen Denkens von paranoidem Konspirationsgewäsch angeht.

Herr Sathom nämlich rät ja selbst stets zur Medienkritik, ist diesbezüglich ein Eiferer gar, und so sollte er eigentlich ganz d’accord sein, wenn ein gewisser Viktor Farkas in „Lügen in Krieg und Frieden“ (Katalogseite 64) die „geheime Macht der Meinungsmacher“ ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen verspricht. Daß jenes Schriftwerk laut Werbetext enthüllt, wie Macht über unsere Köpfe hinweg ausgeübt wird (ach was), wie die Macht des Wortes eingesetzt wird, wie Kriege durch PR vorbereitet werden (nein wirklich?!), woran man „verlogene Nachrichten“ erkennen kann (indem man sich umfassend informiert und kritisch bleibt?) und vieles mehr, müßte dem Herrn Sathom doch ganz Wasser auf seine Mühlen sein. Tja. Wäre es nur nicht leider so, daß Herrn Farkas’ Druckwerk, auch dies verrät der Werbetext, einen geheimnisvollen Jemand bloßstellt, der jede Form von Propaganda, Werbung oder Manipulation erfunden habe, und enthüllt, wer dieses Geheimnisvollen Nachfolger sei, jener „legendäre „Vater der Verdrehungen““ (Werbetext), der neben Weltkriegen und rauchenden Frauen (igitt!) auch mal eben die US-Übergewichtsplage verursacht hat  (wer die beiden Schandbuben seien, ob etwa J. Jonah Jameson und Lex Luthor, oder Max und Moritz gar, wird allerdings von der Reklame nicht verraten – schließlich muß Herr Farkas ja auch von was leben, man wird also wohl sein Elaborat sich anschaffen müssen). Das Gesamtbild, zu dem Herr Farkas die „geheimen Fäden des Manipulationsnetzes“ (Werbetext) knüpft, sei jedenfalls „überraschend“ – da allerdings wettet Herr Sathom drauf. Dachte Herr Sathom, der arme Irre, doch bisher, was man an medialer Manipulation zu beklagen habe, sei einem komplexen Ursachengemisch zu danken, reichend von bewußter Manipulation über gezielte PR-Aktion bis hin zu journalistischer Inkompetenz, und nicht den Künsten zweier mephistotelischer „Großer Unbekannter“ à la Fantômas. Blöd auch, daß Herr Farkas sich schon deswegen nicht dem Verdacht aussetzt, ein rationaler Medien- oder Politikkritiker zu sein, weil ein ebenfalls im selben Katalog verherrlichtes Ergebnis seines Schaffens, „Schatten der Macht“ (Seite 69), mal wieder die allseits beliebten Geheimgesellschaften zur Brust nimmt. Suggestiv fragt der Werbetext zu diesem Schund, ob Weltordnung gleich Geldordnung und der nächste Börsenkrach vorprogrammiert seien – schon, meint Herr Sathom, aber bestimmt nicht deswegen, weil „die Dunkelmächte“ (Werbetext zum Buch) das in ihrem Masterplan zwischen Küchendienst und Einkaufsliste notiert haben. Sondern schlicht und einfach deswegen, weil die Banken ihre durch Staatshilfen – also auf Kosten der Allgemeinheit – gewonnene Liquidität schon wieder im Kasino zu verzocken beginnen, an Managerboni für Transaktionsgeschäfte schon keiner mehr was findet, kaum daß die Krise abzuflauen scheint, und dadurch die nächste Blase schon aufgepumpt wird. Und weil die zaghaft-mickrigen, diesbezüglichen Regularien von der Bankenlobby diktiert, und Gesetze eh schon von Rechtsanwaltskanzleien geschrieben werden, also Oligarchie an die Stelle von Demokratie tritt. Alles Dinge, die man auch wissen kann, ohne Enthüllungsschmöker lesen zu müssen – Dinge, hinter denen natürlich Lobbies und Interessengruppen stecken, aber keine, deren wahre Natur, wie die Werbung suggeriert, in Geheimnistiefen verborgen liegt und nirgendwo anders als in jenen Büchern „mutig“ (Werbetext zu „Schatten der Macht“) enthüllt wird.

Nebenbei zum „Mut“ der Autoren: es scheint, so jedenfalls Herrn Sathoms Eindruck, unabdingbar zur Stilisierung des verschwörungstheoretischen Autors zu gehören, zu betonen, wie tapfer er sich seinen Feinden stellt, wie beherzt er die grauenhaftesten Erkenntnisse mitteilt, und trotz Verfolgung und Schikane unverdrossen die Wahrheit ausspricht. Die Darstellung des genannten Herrn Jan van Helsing (oder JvH, wie ihn Herr Sathom in Anlehnung an EvD nennt), ist dafür typisch: bereits zwei seiner Bücher seien aufgrund ihres brisanten Inhalts verboten worden, prahlt der Werbetext zu „Hände weg von diesem Buch!“ (das, worin Herr vH aufzeigt, wie man nicht mehr gelebt wird, Katalogseite 68), und fährt fort, es verginge kein Tag, an dem die Bevölkerung nicht vor den Ideen des „gefährlichsten Sachbuchautors Deutschlands“ (im Werbetext in Gänsefüßchen – was offenbar ein Zitat ohne Quelle darstellt, oder sich auf einen szenebekannten, lobenden Ausspruch über JvH beziehen kann) gewarnt werde – das Verbot und die angeblich täglichen Warnungen (es hat ja auch keiner was Besseres zu tun, als ununterbrochen vorm Herrn Van Helsing zu warnen) ein Qualitätssiegel, das den Autor auf eine Stufe mit von Unrechtsregimes verfolgten Journalisten oder Dissidenten stellt. Der Autor der Verschwörungstheorie, so suggeriert zumindest die Werbung, ist ein Held, einer, der neben seinem Mut, sich finsteren Geheimbündlern (die ja auch schon manchen zum Schweigen brachten) und dummen oder übelwollenden Kritikern entgegenzustellen, durch nichts Geringeres ausgezeichnet wird als sein selbstloses Bestreben, die Welt zu retten (laß das mal lieber Hayden Panettiere machen, meint Herr Sathom, sieht auch besser aus). Und zudem der Einzige, der über bestimmtes geheimes Wissen verfügt, und es der Welt enthüllen kann; ein Exklusivanspruch, mit dem investigative Journalisten, Medienkritiker etc. natürlich nicht mithalten können. Es gibt übrigens unter den Letztgenannten viele, die tatsächlich für ihren Mut und ihre Wahrheitsliebe viel erleiden müssen, sogar ums Leben gebracht werden (Namen wie Anna Politkovskaja kommen in den Sinn, um nur einen zu nennen); daß Werbung für verschwörungstheoretische Titel oft suggeriert, deren Autoren seien mit solchen oft unter Lebensgefahr ihr Werk verrichtenden Menschen gleichzusetzen, ist dabei eine ganz besonders erbärmliche Schamlosigkeit – ebenso wie die Berufung der Autoren selbst auf jene, denen sie nicht das Wasser reichen können, so sie denn vorkommt (bei Herrn Sathoms erster Begegnung mit Herrn van Helsing anläßlich der Lektüre eines esoterischen Käseblättchens präsentierte Letzterer sich auf einem Foto von hinten, auf daß seine gefährlichen Verfolger ihn nicht erkennen möchten – das war so albern, daß es fast schon wieder gut war. Vielleicht ist JvH ja insgeheim ein Eulenspiegel?).

Ach ja, und übrigens: verboten (d.h. beschlagnahmt und vom Markt genommen) wurden zwei Bücher des Herrn van Helsing wegen Volksverhetzung, nicht weil sie „brisant“ oder irgendwelchen geheimbündlerischen Kapuzengestalten unangenehm gewesen wären (das folgende Strafverfahren wurde wegen „mangelnder örtlicher Zuständigkeit“ eingestellt – auch das spricht nicht gerade eine von Illuminaten geschickt inszenierte Verfolgung des Autors, möchte man meinen). Übrigens meint Herr Sathom (ist sich aber nicht sicher), daß die Henoch Cohn-Story (die im Internet immer noch kursiert) aus einem der beiden beschlagnahmten Bücher stammen müsse; er selbst kennt sie aus einem vor Urzeiten gelesenen Vorabdruck eines van Helsingschen Buches in erwähntem Käseblatt, das er sich einst kaufte, weil die Schlagzeile auf dem Titel viel Vergnügliches versprach, hieß es dort doch, man habe das (praktischerweise in diverse irdische Sprachen übersetzte) Handbuch eines abgestürzten UFO-Piloten gefunden (leider verriet dessen auszugsweise Veröffentlichung vieles über die angeblichen Ziele und Intrigen der Aliens, jedoch kein Sterbenswörtchen über die Bedienung eines UFOs, weshalb Herr Sathom, gelänge es ihm jemals, eines zu kapern, es – anders als bei des Blattes Kauf erhofft – doch nicht fliegen könnte. Vielleicht ging es dem havarierten Ufonauten ja ebenso). Herr Sathom kann das betreffende Blatt leider nicht mehr finden, falls es ihm doch noch gelingt, wird er dessen Titel an dieser Stelle nachliefern.

Aber zurück zu Herrn Farkas: vielleicht teilt dieser uns ganz einfach medienbezogene Fakten, die auch nachweisbar sind und Kritik verdienen, sachlich und seriös mit, und man tut ihm unrecht damit, ihn unter die Verschwörungstheoretiker einzureihen?

Nun, derselbe Herr Farkas informiert uns in weiteren Erzeugnissen seines Erfindergeistes immerhin über Stalins PSI-Geheimwaffe, sprechende Steine und Phantominseln auf hoher See („Rätselhafte Wirklichkeiten“, Katalogseite 23) sowie menschenverschlingende „Todeswälder“, Astralreisen und sich verdoppelnde Menschen („Jenseits des Vorstellbaren“, ebenda) – ganz realitätsnahe Dokumentationen also, die seinen medien- und Geldweltmachtbezüglichen Aussagen bestimmt große Glaubwürdigkeit verleihen (oder, und das ist eben, was Herr Sathom unverzeihlich findet: wirklich fundierte Kritik an Medien, Meinungsmanipulatoren etc. in die Nähe eigenartiger Hirngespinste in anderen Veröffentlichungen desselben Autors rücken). Der Werbetext zu „Jenseits des Vorstellbaren“ preist den Autor übrigens als „Kühn im Weiterdenken, sachlich in der Schlußfolgerung“ – und listet dann auf, was dieser dem Leser über die „geheime Natur unserer Welt“ mitzuteilen weiß: etwa daß „unbekannte Mächte […] Privatgrund einzäunen“ (Herr Sathom fragt sich schon lange, wo diese das Querfeldeingehen behindernden „Zaun“-Dinger eigentlich immer herkommen, da ist doch was faul). Diese und andere „Unglaublichkeiten“, wird versichert, sind „Tatsachen“, die der Autor „niemals den Boden des Sachlichen verlassend“ darstellt. Na dann is ja gut, Herr Sathom dachte schon. Und auch seine heißgeliebten, die Weltgeschichte lenkende Verschwörungen muß der Leser in diesem Buch natürlich nicht missen.

Letztlich sind die Themen, denen sich Herr Farkas insgesamt widmet, unter Esoterikern lange schon verbreitete Vorstellungsmotive: daß es einen Geheimplan für die Errichtung einer neuen Weltordnung gäbe, daß mit dem Kennedy-Mord irgendwas nicht stimme (mag ja sein), daß „Hintergrundmächte“ unsere Gedanken kontrollieren können, daß „geheime Schreckenspläne für die Zukunft der Menschheit existieren“ (Werbetext zu „Schatten der Macht“) – vor Allem aber, daß das alles miteinander zusammenhängt und irgendwer Mysteriöses Strippen zieht. So fabuliert der Werbetext zum oben erwähnten „Schatten der Macht“ denn auch von Geheimgesellschaften und einem „Langzeit-Fahrplan“ für eine „Neue Weltordnung“.

Hier jedenfalls finden wir eines von mehreren Indizien zur Unterscheidung zwischen aufgeklärter (und aufklärerischer) Kritik und derjenigen Art von Verschwörungstheorie, die nicht offenkundig Unsinn faselt, sondern sich durch Aufgreifen von Themen jener seriöseren Kritk tarnt: sie klärt nicht auf über reale Strukturen und Zusammenhänge, sondern verortet hinter diesen noch irgendwelche Masterminds, die aus einem zweitklassigen Fantasyroman entsprungen sein könnten: sie sind eben die „Dunkelmächte“. Der Herr Sathom kramt sicherheitshalber schon mal seine Amulette gegen schwarze Magie raus.

Herr Sathom könnte sich noch lange auslassen über die Gesellschaft, in der die vorgeführten Druckerzeugnisse und Autoren sich befinden, da solch Umfeld belegt, daß hier Paranoia und Wirrsinn fröhliche Urständ feiern: Filmwerk (ja, DVDs hat’s auch), welches bezeugen zu können behauptet, daß – was nie fehlen darf – der Mondflug ein Schwindel war (wen kümmert’s eigentlich, fragt sich Herr Sathom so langsam, nachdem ihm diese Kamelle schon Hunderte Male unterkam), das weiß, daß Jörg Haider (ein „Siegertyp“, so der Werbetext) einem Mordkomplott zum Opfer fiel, daß die Mondflugtechnik (die’s nun auf einmal doch wieder gibt) noch während des II. Weltkriegs von den Nazis entwickelt wurde, und daß die Amis sie nicht weiterentwickeln konnten, sondern seitdem mit ihren Space Shuttles explodieren, weil sie zu blöde sind, die technologischen Details zu verstehen („Mit dem Balkenkreuz zum Mond“ von Friedrich Georg, Katalogseite 89). Auch anderer Schwachsinn wie der, daß Nazis sich nach dem Ende des „Dritten Reichs“ unter dem Südpol häuslich einrichteten, und daß die fliegenden Untertassen ihre Flugscheiben darstellen, vermittels welcher sie bald die Weltherrschaft an sich zu reißen trachten, findet sich hier (ein Zusammenhang, in dem auch Bulwer-Lyttons gutes altes Vril wieder zu Ehren kommt). Ferner wird enthüllt, daß Barack Obama die Marionette unheiliger Geheimbündler sei –  diesmal der Skull & Bones (einer von Verschwörungsfans zum Geheimorden aufgeblasenen, elitär-vetternwirtschaftlichen US-amerikanischen Kasperlstudentenverbindung), so wie auch unser aller Angie ferngesteuert wird („Wem dient Merkel wirklich?“ von David Korn, in der November-Ausgabe des Katalogs mittlerweile ersetzt durch Michael Bubacks „Der zweite Tod meines Vaters“ an derselben Stelle).

Nicht fehlen im Gewimmel der propagierten Theorien darf auch das Szenario, daß ökologische Anliegen nur eine weltweite Verschwörung maskieren (die Klimakatastrophe, so der Werbetext zu Torsten Manns „Rote Lügen in grünem Gewand“ (Katalogseite 71), sei ebenso wie Waldsterben und Ozonloch ein Schwindel, der helfen soll, einen globalen Umverteilungsstaat in Gestalt einer UNO-kontrollierten ökosozialistischen Diktatur zu schaffen, wobei ehemalige sowjetische Kommunisten und US-amerikanische Hochfinanz dasselbe Ziel verfolgen (ein wunderschönes Amalgam ähnlich der jüdisch-kommunistisch-kapitalistisch-demokratisch-schlumpfig-überhaupt-alle-Weltverschwörung); weil nämlich, wie derselbe Herr Mann den Unbedarften in seinem Schundwerk „Weltoktober“ (Katalogseite 73) weismacht, der Fall des Ostblocks nur von den Roten inszeniert war, um die marktwirtschaftliche Ordnung schleichend in eine sozialistische „Neue Weltordnung“ zu überführen. Dies und noch mehr desgleichen tummelt sich da auf hochglanzbedruckten Seiten.

Climatetiathan Copyright © 2009 Sathom
:: Das Gespenst des Klimawandels, wissen Verschwörungstheoretiker, ist nur ein großes Matte-Painting, das die Mitglieder der ökosozialistischen Weltdiktaturverschwörung an den Horizont gepinselt haben --- (Bild Copyright © 2009 Sathom)

Lustigerweise gab’s neulich im ZDF eine Satiresendung des Titels „Der Schwarze Kanal kehrt zurück“, darin solche Theorien nett verwurstet wurden (angebliche Zeitzeugen enthüllen im Interview, daß Honecker den Mauerfall inszenierte, um die BRD in die Pleite zu treiben, und bereits damals eine gewisse Physikstudentin für ihre anschließende 20-Jahres-Mission briefte); leider war dieser Artikel zu jenem Zeitpunkt noch nicht fertig, und Herr Sathom bemerkte die Sendung daselbst erst am Abend ihrer Ausstrahlung, sonst hätte er drauf hingewiesen.

Aber Herr Sathom möchte zwischendurch mal wieder auf seinen eigentlichen Punkt zurückkommen. Was war nun mit der Vereinnahmung durchaus bedenkenswerter gesellschaftskritischer Themen und Thesen durch die Verschwörungstheoretiker, und weshalb  schwillt Herrn Sathom darob der Kamm?

Exemplifizieren wir das Ganze zunächst noch einmal am erwähnten Schriftwerk des Herrn Farkas, der einerseits völlig versponnene Geschichten erzählt, bei der Gestaltung anderer seiner Werke jedoch auf Themen und Motive der ganz sachlichen, aufklärerischen Medien- und Systemkritik zurückgreift. Was lesen wir im Werbetext zu „Lügen in Krieg und Frieden“? An sich zunächst nichts Unzutreffendes: Meinungsmacher bestimmen, was wir essen und trinken, wohin wir reisen, wie wir uns kleiden (tut die Werbeindustrie ja bzw. müht sich redlich); daß Kriege durch PR vorbereitet bzw. der Öffentlichkeit „verkauft“ werden, daß Macht über unsere Köpfe hinweg ausgeübt wird, daß es verlogene Nachrichten gäbe, und daß bestimmte Prägungen (man könnte auch sagen: Konditionierungen, anerzogene Denkstereotypen o.ä.) uns leiten. Und all das ist ja nicht unwahr: auch seriöse Dokumentationen (oft auf dem ausgezeichneten Sender arte zu sehen), Publikationen und Untersuchungen belegen derlei (und von ihnen kann es prima abgeschrieben werden). Ominös wird’s, wenn man genauer liest, woraufhin der Unterschied zwischen jenen ernstzunehmenden Enthüllungen und Informationen aufklärerischen Charakters und der Verschwörungstheorie erhellt wird: diese Meinungsmacher, so der Werbetext, seien „geheim“ (das sind sie nicht, sie sind identifizierbar und werden auch konkret öffentlich kritisiert, ihre Verlautbarungen sind überprüf- und ggf. entlarvbar); sie könnten über Leben und Tod entscheiden (na ja) und es sei eine Frage des Erhalts unserer Existenz, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Hier wird sicherlich dramatisiert und an Existenzängste appelliert, doch auch dies ist lediglich eine Zuspitzung und nicht gänzlich unwahr; Menschen, die nahe eines AKW wohnen, haben sicher so ihre Erfahrungen mit offiziellen Zusicherungen und der tatsächlichen Gesundheit ihrer Kinder, um nur ein Beispiel zu nennen. Was den eigentlichen verschwörungstheoretischen Gehalt ausmacht, ist vielmehr neben der bereits erwähnten Behauptung, die Drahtzieher medialer Lügen seien „geheim“ (an anderer Stelle heißt es im selben Werbetext „unsichtbar“) die Postulierung eines ominösen Lügenmeisters und seines Epigonen, deren Lehren all die anderen „Marionettenspieler“ folgen, düsterer Oberschurken also, die nun endlich sensationell und völlig überraschend entlarvt werden.

Ähnlich verhält’s sich bei Herrn Farkas’ Enthüllungsbuch „Mythos Informationsgesellschaft“ (Katalogseite 73); wieder finden wir Aussagen, die nicht aus der Luft gegriffen sind, etwa die, daß Arbeitsmarktdaten gefälscht würden (was ja geschieht, allerdings nicht „raffiniert“, wie der Werbetext behauptet, denn derlei ist ja immer wieder Thema medialer und öffentlicher Kritik), oder daß der Sozialstaat durch die „Reformen“, die man über ihn verhängt, gefährdet sei – aber eben auch solches Zeug wie das, daß der Dritte Weltkrieg vorbereitet würde und wir alle von Geburt an eine Erkennungsnummer tragen sollen. Manches davon richtig, aber zum sensationell enthüllten Mysterium aufgeblasen (die „raffinierten“ Fälschungen), manches Schwachsinn, manches nicht völlig unsinnig, aber – wenigstens im Werbetext – zum Horrorheftchenklischee verdreht (bei der „Erkennungsnummer“ könnte es sich etwa um die neue, bereits mit Geburt vergebene Steuernummer handeln, die allerdings berechtigtes Mißtrauen wecken, und deren Gebrauch von Datenschützern und Öffentlichkeit aufmerksam beobachtet werden sollte). Die Aussage der Werbung zum Buch, daß Orwells 1984 von der Realität bereits übertroffen werde, könnte man bei sehr weiter Auslegung (ggf. als Metapher für reale Zustände) gelten lassen, was gewisse Details betrifft (die Art, wie Darstellungen der jüngsten Geschichte durch Medien und Interessengruppen sich gelegentlich sehr auf das historische Ultrakurzzeitgedächtnis des Publikums verlassen, gemahnt Herrn Sathom schon manchmal an Orwells Vergangenheitskontrolle, und daß die „Proles“ durch unterhaltungstechnische Ablenkung von der Wahrnehmung ihrer Situation abgehalten werden, aber aufgrund des ihnen aufgezwungenen ständigen Existenzkampfs auch keinerlei Zeit für kritisches Denken hätten, erinnert ihn auch an reale Zustände), aber die platte Gleichsetzung zeigt eben die Vereinfachung, das Verzerren kritikwürdiger Tatbestände zu platter Sensationshascherei, zur vulgarisierten Grusel-Science Fiction – womit nichts gegen die Science Fiction-Literatur gesagt werden soll, au contraire – aber es gibt eben einen Unterschied zwischen Orwells 1984 und Dr. Mabuse hat Kameras in deinem Klo (oder auch, wenn Herr Sathom schon dabei ist, zwischen H.G. Wells’ Krieg der Welten, einer Schrift, die den Europäern vor Augen führen sollte, wie es wäre, wenn jemand mit ihnen umspränge wie sie mit den „Kolonialvölkern“, und Weltraum-Mutanten schwängern unsere Petunien).

Bei Herrn Farkas läßt sich die Frage, wes Geistes Kind er ist, noch leicht beantworten: in „Unsichtbare Fronten“ (Untertitel: Stell dir vor, es ist Krieg (sic) und keiner merkt es“, Katalogseite 65) zeigt der Autor, der laut Werbetext „keine unliebsamen Wahrheiten“ scheut und dessen Name „harte Fakten“ garantiert, daß „das Sterben der abendländischen Kultur konsequent betrieben wird“, daß „die Zuwandererproblematik bewußt herbeigeführt wird“, daß „bürgerkriegsähnliche Zustände bis vor unsere Türen heranrücken“ (das kommt Herrn Sathom doch irgendwie bekannt vor? Er wollte doch den V8 betanken, fällt ihm dabei ein), daß die klassische Familie „zum Abschuß freigegeben“ wird mit dem Ziel, daß Kinder frühestmöglich in „Aufbewahrungsanstalten“ abgegeben werden sollen, u.v.m. Lassen wir mal den spürbar konservativen Unterton beiseite (die „klassische Familie“ sieht offenbar so aus, daß Mutti am Herd steht und die Kinder erzieht, weshalb es keine Kindertagesstätten braucht, und was Herr Sathom als Privatisierung von Gewinnen und Verstaatlichung bzw. Vergemeinschaftlichung von Verlusten bezeichnen würde, firmiert hier als Verschleuderung von „Volkseigentum“) und befassen uns damit, was die Darstellungsweise der Themen ausdrückt: wo vielfältige Gewinn- und Herrschaftsinteressen walten, natürlich auch Lobbies agieren, miteinander auch in Konflikt liegen oder durch ihr Verhalten Probleme verursachen, denen sie manchmal gleichgültig oder gar von ihnen profitierend gegenüberstehen, sie manchmal aber vielleicht auch nicht absichtlich hervorrufen, wird hier ein übergreifender Plan suggeriert, der weltumspannend durchgeführt wird – eben eine Weltverschwörung (man ziehe hierbei auch das Gesamtwerk in Betracht, also etwa, was weiter oben über Herrn Farkas’ „Schatten der Macht“ gesagt ward).

Kurz, wir finden Motive notwendiger, sachlich begründeter und gerechtfertigter Kritik verquickt mit Quatsch, sehr zum Schaden der ersteren, die dadurch in ungünstiges Licht geraten mag. Schlimmer jedoch: die Behandlung jener der vernünftigen Kritik entlehnten Motive ist diesen keineswegs angemessen; sie werden verdreht zu Versatzstücken einer These, die von tatsächlichen und sehr komplexen Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen ablenkt, unter anderem, indem sie ein ursächliches Interesse suggeriert, das wirkliche Interessenlagen undurchschaubar bleiben läßt: in diesem Fall u.a. die angebliche Vorbereitung eines dritten Weltkriegs.

Sicher haben wir es nun etwa bei Herrn Farkas mit einem Autor zu tun, der reine Phantasmen webt und sich möglicherweise nur aufs Parkett der Realität begibt, um dort gerade aktuelle Versatzstücke für neuen Irrsinn aufzulesen, zeittypische Themen auszuschlachten oder einmal seriös zu wirken; schwieriger wird’s bei anderen Autoren, bei denen der verschwörungstheoretische Gehalt weniger offensichtlich, die scheinbare Nähe zu  fundierter Kritik größer ist – sofern man sich auf den ersten Blick verläßt. Herr Ulfkotte (der Bürgerkriegswarner) scheint beispielsweise immerhin mal ein seriöser Journalist gewesen zu sein, betrachtet man seine Biographie, und ist womöglich zwar kein regelrechter Spökenkieker, jedoch mit dem Hang, sich zu verrennen und zugleich unguten Erfahrungen als Auslandskorrespondent in islamischen Landen ausgestattet. Daß er da ein ausgeprägtes Feindbild und entsprechende Angstszenarien ausgebildet hätte, wäre sogar nachvollziehbar; doch eilt ihm ein gewisser Ruf voraus, der quasi nahelegt, sein Geschreibsel für etwas anderes denn Verschwörungsquatsch zu halten, weshalb man es eben gerade kritisch lesen und sich nicht vom Ruf verblenden lassen sollte. Noch etwas anders präsentiert sich Herr Gerhard Wisnewski, der die schon erwähnte Theorie einer Ermordung Jörg Haiders vertritt; der Werbetext zu seinem kritischen Jahresrückblick „Verheimlicht vertuscht vergessen“ (Katalogseite 82) fragt erneut suggestiv auch nach diesem Todesfall, und ebenfalls (wie andere weniger seriös wirkende Schmöker), wer wirklich hinter Barack Obama stecke, benennt allerdings auch Punkte, die dem observanten Medien- und Gesellschaftskritiker wahrhaftig einiger Aufmerksamkeit wert scheinen müssen: welche Interessen etwa mit dem gezielten Lancieren bestimmter Themen verbunden sind, oder weshalb manche Ereignisse sehr schnell wieder aus der Berichterstattung verschwinden. Durchaus Punkte, die Herr Sathom für beachtenswert hält. Die Unterscheidung scheint hier ähnlich schwierig; es mischen sich mögliches Hirngespinst und ernstzunehmende Fragestellung, wobei die Antwort auf Frage, ob man es mit Verschwörungstheoretisiererei oder seriöser Medien- und Gesellschaftskritik zu tun habe, von den jeweils von Herrn Wisnewski angebotenen Erklärungsmustern und der Sorgfalt seiner Recherche abhängen dürfte. Natürlich muß auch Herrn Wisnewskis übriges Schaffen in Betracht gezogen werden, wie etwa seine Mutmaßungen über das RAF-Phantom, die sehr spekulativ sind, aber immerhin nachgewiesenem Geheimdienstschmu wie dem bei der Entführung Aldo Moros ähneln (was heißt: bei der RAF war’s wohl eher nicht so, wie er meint, aber prinzipiell kann derlei vorkommen); andere seiner Hervorbringungen zum 11. September oder zur angeblich gefälschten Mondlandung wiederum werden von Sachkundigen eindeutig ins Reich der Fabel verwiesen – was den guten, alten Mond angeht, hat etwa die ausgezeichnete und rührige Besatzung der Mondbasis Clavius Herrn Wisnewskis Behauptungen akribisch aufgelistet und widerlegt, zu seinen Thesen zum 11. September werden ihm hier die Leviten gelesen, und hier findet sich Lustiges zur Haider-Argumentation. Immerhin: Herr Wisnewski beweist eine eigene kleine Theorie Herrn Sathoms, der sich nämlich bereits unmittelbar, nachdem er von des Herrn Haider Ableben erfuhr, sogleich dachte, daß bestimmt bald Theorien auftauchen dürften, daß selbiger ermordet worden sei. Es paßt halt alles bei diesem Mann, um nach empirischer Erfahrung eine Verschwörungstheorie geradezu zwingend erwarten zu dürfen – was zumindest als Indiz darauf hindeutet, daß es sich dann auch um eine handelt. Gegenüber vielen verschwörungsparanoiden Weltuntergangstheorien hat Herrn Sathoms Hypothese also immerhin schon mal den Vorteil gehabt, eine Voraussage zu ermöglichen, die von den Ereignissen nicht falsifiziert wurde. Jedenfalls: die Gesamtschau von Herrn Wisnewskis Werk läßt erhebliche Zweifel an seiner Kompetenz oder wenigstens Sorgfalt aufkommen, und insofern auch an seiner Behandlung der oben genannten Fragestellungen bezüglich der Medien (womit eben, wohlgemerkt, nicht gesagt ist, daß die Fragen unberechtigt oder alle Antworten falsch sind – nur inwieweit das jeweils der Fall ist, muß genauestens geprüft werden, da sein Werk eben doch zur Verschwörungstheorie neigt).

Wohin führen uns nun diese Verquickungen, das Nebeneinander wirrer Gespensterseher, verschwindend weniger ganz unverdächtiger Autoren und solcher, die irgendwie auf der Kante stehen (wobei nach dem oben gesagten Herr Wisnewski verdächtig kippelt, und im Folgenden noch kippliger werden wird), sowie ernstzunehmender und völlig unsinniger Thesen?

Herr Sathom sieht die Sache so: es ist keine Neuigkeit, daß das, was wir als Realität auffassen, stets ein Konstrukt ist; etwas, das wir generieren, indem wir unsere Wahrnehmungen durch den Filter erworbener Erwartungshaltungen, anerzogener Klischees und Stereotypen sowie persönlicher Abneigungen, Ängste, positiver Einstellungen und anderer nicht objektiver Haltungen und Gefühle rieseln lassen. Niemals bilden wir dabei komplett eine objektive Realität ab. Und tatsächlich wird auch versucht, diesen Umstand auszunutzen: Werbemacher, PR-Leute und Spin Doctors appellieren in ihren Botschaften nicht nur ganz gezielt an unsere Ängste und Sehnsüchte, sondern auch an jene unsere eingefleischten Stereotypen, vorgefaßten Meinungen und Fiktionen von Realität. Das wissen auch die Verschwörungstheoretiker (sind aber, im Gegensatz zu dem, was sie behaupten, damit keineswegs die großen Enthüller eines ansonsten unbekannten Geheimnisses).  Jedoch: anders als postmodernes Schwaflertum suggerieren will, ist unsere Sicht auf die Realität doch nicht beliebig und immer gleich „falsch“ (den „Beweis“, daß dem so wäre, führen besagte Theoretiker gern innerhalb geschlossener und somit wenig komplexer, vom Autor geschaffener fiktiver Realitäten, über welche dem Leser nur vom Autor kontrollierte Informationen zugänglich sind, etwa in Romanen, und übertragen ihn dann unzulässigerweise auf die weitaus komplexere äußere Realität, in welcher ja, anders als in der Fiktion, weitere Nachforschung möglich wäre (worüber der Leser hinweggetäuscht wird); wird dies als vorzüglicher Schabernack betrieben wie im legendären „Illuminatus!“, findet’s Herr Sathom auch neckisch, doch überstrapazieren manche den so entstehenden Eindruck, indem sie ihn wiederum zur Realität erklären). Gewissenhafte Prüfung der Quellen und auch des eigenen Selbst erlauben uns vielmehr als Korrekturmechanismen immerhin, gewahr zu sein, daß gesellschaftliche Gruppen bestimmte Interessen verfolgen, die unseren zuwiderlaufen können, und daß sie über Instrumente der Einflußnahme (Lobbyismus, PR, Beschluß hinter verschlossenen Türen) verfügen, diese Interessen durchzusetzen. Und es ist eben möglich, sich über den Wahrheitsgehalt medialer Berichterstattung ebenso ein Urteil zu bilden wie über den von PR und Werbung, über die Hintergründe politischer Entscheidungen und darüber, welche Interessengruppen diese treffen bzw. Einfluß auf sie ausüben. Ebenso wie es möglich ist, sich durch Erwerb von Medienkompetenz weniger manipulierbar zu machen. Und es stimmt ja: es wird laufend versucht, uns zu täuschen, von Interessengruppen und deren PR-Experten und Spin Doctors; es gibt genug dreckige Geheimdienstaffären und politische Klüngelei. Und sicherlich gibt es mediale Sprachregelungen und Fehlinformation, die bewußt lanciert ist oder einfach durch Schlamperei zustande kommt. Doch der aufmerksame Beobachter kann Sprechregelungen und stereotype Darstellungen wahrnehmen (etwa, daß aus dem Sprachgebrauch bundesrepublikanischer Politiker und Nachrichtensprecher unmittelbar nach der Wende der Zusatz „sozial“ verschwand, sobald sie von Marktwirtschaft sprachen), er kann sich seiner eigenen Interessen und der anderer bewußt sein, und auch dessen, inwieweit versucht wird, gesellschaftliche Gruppen bezüglich ihrer eigenen Interessen zu täuschen, wie an ihre Ängste und Ressentiments appelliert wird, und des weiteren mehr. Und er kann gegebenenfalls gegen Wahrgenommenes, den eigenen oder den Interessen der Allgemeinheit Zuwiderlaufendes opponieren. Ob wir an Verschwörungstheorien (also die der Realität am wenigsten ähnliche, unseren Erwartungen, Ressentiments und Ängsten nächste Weltdeutung) glauben oder an realistischere Varianten, liegt lediglich an dem Ausmaß, in dem wir kritik- und reflektionsfähig und kompetent im Umgang mit Informationen sind, und wie gut unsere Realitätsprüfung funktioniert – also daran, inwieweit wir uns selbst aufgeklärt und entsprechende Kompetenzen erworben haben (und letztlich auch davon, über wieviel möglichst nicht einseitige Lebenserfahrung wir verfügen). Ein Schwindel verschwörungstheoretischer Schriften besteht daher bereits darin, sensationsheischend zu suggerieren, sie enthüllten zutiefst verborgene Geheimnisse über alle möglichen Mißstände, deren Kenntnis auch ohne die betreffenden Machwerke frei zugänglich ist.

Der genannte Herr Wisnewski ist ein gutes Beispiel für das oben Gesagte: eine umfassende Recherche vermag zu erhellen, wie er, seine Beweisführung bei seinen „Enthüllungen“, und damit zumindest auch mutmaßlich sein sonstiges Oeuvre einzuschätzen seien. Die in seiner Biographie genannten Punkte lassen ihn dabei zunächst als durchaus ernstzunehmenden Journalisten erscheinen, der für diverse Publikationen arbeitet, und von einem Grimme-Preis liest man auch ab und  was. Aber man muß eben nur genauer hinschauen: den Preis erhielt nicht er für’s RAF-Phantom, sondern jemand anders für dessen Verfilmung (der Katalog nennt zwar nicht den Grimme-Preis, bezeichnet Herrn Wisnewski aber als „preisgekrönt“; in einigen Blogs und Foren, die sich positiv zu Wisnewskis Büchern äußern, wird er allerdings als „Grimme-Preisträger“ bezeichnet, daher noch mal zu Mitschreiben: den Grimme-Preis erhielten Regisseur Dennis Gansel und Darsteller Jürgen Vogel für den Film Das Phantom, und nicht Herr Wisnewski. Dessen Wikipedia-Biographie listet keinerlei Preise auf (was nicht heißt, daß es keine gäbe, doch ist Herrn Sathom kein solcher bekannt). Aber es läßt sich natürlich prima andeuten, wie verläßlich die Thesen eines Autors sind, wenn man ihn als den „Grimme-Preisträger xyz“ bezeichnet); zu den Blättern, für welche daselbst Herr Wisnewski schon schrieb, gehört unter Anderem das Bollwerk investigativen Journalismus, die „Bild“. Viele von Herrn Wisnewskis Thesen und Belegen für diese sind in sorgfältiger Kleinarbeit widerlegt worden (siehe oben). Und siehe: es stimmt eben nicht, daß man die Realität beliebig so oder so sehen kann (wäre dem so, machten die „Enthüllungen“ verschwörungstheoretischer Autoren ja auch gar keinen Sinn – es könnte ja dann doch auch wieder ganz anders sein); man kann je nach Genauigkeit der Recherche durchaus zu Ergebnissen kommen, die sich wirklichen Sachverhalten mehr oder weniger annähern (bei Verschwörungstheorien eben weniger), und welche eben auch die Einschätzung von Autoren wie Informationen der Realität anzugleichen vermögen. Wir sehen also: man muß nicht alles unhinterfragt glauben, was einem an offiziellen Verlautbarungen entgegenschlägt – gehe es nun um die Mondlandung, die RAF, oder angebliche Sachzwänge der Globalisierung, hinter denen sich massive Kommerzinteressen verstecken, die aber als vermeintlich unbeeinflußbare Naturgesetze gehandelt werden. Man darf aber auch einem, der vermeintliche Hintergründe aufdeckt, nicht unbedarft glauben – man kann seine Quellen, seine sonstigen Thesen, die von ihm präsentierten Fakten ebenfalls einer genauen Überprüfung unterziehen. Man muß nur am Ball, aufmerksam und skeptisch bleiben, und schon kann man sich tatsächlichen Sachverhalten annähern – und damit sowohl berechtigte Kritik üben, als auch diese von unglaubwürdigen Konstrukten unterscheiden. Herr Sathom könnte viel und lang über die gesellschaftliche, soziale, kulturelle und mediale Produktion und Konstruktion von Realität dozieren, und darüber, daß es eben zutreffe, daß diese immer Konstruktion sei, wobei auch Glaubwürdigkeit und Plausibilität von Vorprägungen des Betrachters abhängen, um dann zu widerlegen, daß die Konstruktion nicht dennoch zu durchschauen wäre; er beschränkt sich statt dessen auf die lapidare Feststellung, daß man eben schon hinkieken muß, weil man sonst nüscht sieht.

Daß dessen unbenommen der Eindruck bleibt, daß vieles, das in den Medien als Realität präsentiert wird, was uns z.B. an wirtschaftsliberaler Weltdeutung, offizieller Verlautbarung oder als Werbung entgegenschlägt, bezüglich seines Wahrheitsgehalts vielleicht keine nachgerade „verschwörungstheoretischen“, jedoch sehr wohl „Realität“ konstruierende Qualitäten hat, steht auf einem anderen Blatt – eben deswegen muß es kritisch überprüft werden, nur daß eben voreingenommene oder nachlässige Prüfung letztlich erst recht Verschwörungstheorien gebiert – solche, die von den tatsächlichen Sachverhalten noch weiter wegführen.

Was bleibt, ist: wir finden in besagtem Katalog Autoren, die ganz offensichtlich realitätsfernen Wahnvorstellungen anhängen oder solche bewußt produzieren, um die Unbedarften oder Verängstigten auszunehmen, die sich also von PR-Schwindlern oder medialen Lügnern gar nicht so sehr unterscheiden; jene, die ein ehrliches Aufklärungsinteresse haben (und von denen, wenn auch irrend, vermutlich Frau Ates die einzige im behandelten Katalog ist, dieweil Herr Sathom Herrn Broder wenigstens zugestehen will, daß er sich vermutlich Mühe gibt); und jene, deren Realitätsprüfung manchmal versagt, deren vorgeprägte Erwartungshaltungen ihnen eine Interpretation des Wahrgenommenen nahelegen, welche sie in den Bereich der Verschwörungstheorie abgleiten läßt – um so mehr, wenn das psychologisch erklärbare Bedürfnis, an eine bestimmte Deutung zu glauben, sie gegenüber Fehlinformation leichtgläubig, in der Recherche nachlässig, in ihrer Auswahl der Fakten selektiv werden läßt. Ob Herr Ulfkotte und Herr Wisnewski zu diesen, oder zu den bewußt Schwindelnden gehören, vermag Herr Sathom an dieser Stelle nicht zu entscheiden und enthält sich dahingehend auch jedes Urteils.

Jedenfalls zeigt sich: erstens läßt sich vermittels beharrlicher Nachforschung unter Beibehaltung stets kritischer Distanz durchaus erkennen, was „wirklich vorgeht“; ggf. kann man auffällige Erscheinungen bezeichnen, ohne dahinter gleich eine ganz bestimmte Erklärung für diese zu postulieren. Zweitens ist es deswegen nicht nur möglich, begründete Kritik an gesellschaftlichen Instanzen, Entwicklungen und Interessengruppen zu üben, sondern auch, diejenigen Weltdeutungen letztlich zu enttarnen, die zunächst nicht als Verschwörungstheorien erkenntlich sind, weil sie nicht mit offenkundigem UFO-Budenzauber argumentieren, sondern Motive einer rationalen (wenn auch durchaus und zulässigerweise moralisch oder empathisch motivierten) Kritik aufgreifen.

Die Nähe, die zwischen seriöser Aufklärung bzw. investigativer Recherche und Verschwörungstheorie entsteht, indem von bestimmten Autoren Motive und Erkenntnisse ernstzunehmender Nachforschung oder Kritik aufgegriffen und als Mäntelchen für wirre oder voreilige Deutungen zweckentfremdet werden, ist allerdings fatal; und zwar deswegen, weil dadurch möglicherweise zutreffende Erkenntnisse neben komplett verstiegenen Thesen (bzw. zu deren Begründung) dargeboten werden, womit letzteren ein Hauch Glaubwürdigkeit verliehen, und zugleich jede ernstzunehmende Wahrnehmung in den Dunstkreis des Irrsinns gezogen wird. Dies geschieht einerseits dadurch, daß eben – wie beschrieben – innerhalb der Werke die zutreffende Kritik zum Argumentationsbaustein absurder Theorien wird, und andererseits dadurch, daß Werke voll irrsinnigster UFO-Wahnvorstellungen neben weniger oder ganz und gar nicht verdächtigen präsentiert werden (wobei, Herr Sathom wiederholt’s, ihm ganz und gar unverdächtig nur Frau Ates und Herr Broder sind, wiewohl er beiden nicht zustimmt und den Herrn Broder zudem ganz und gar nicht leiden mag).

Um das Dilemma noch etwas klarer zu zeichnen: da gibt’s ein Buch von Albrecht Müller, „Meinungsmache“ (Katalogseite 66), das davon handelt, wie die öffentliche Meinung durch gesteuerte und bezahlte Kampagnen beeinflußt wird, wie dies so lange und über verschiedenste Kanäle betrieben wird, bis alle das, was vermeintliche Experten ihnen eintrichtern, geglaubt wird (was ja nicht unzutreffend ist – wobei zu berücksichtigen wäre, daß derlei manchmal mit, manchmal ohne Steuerung stattfindet, dann z.B. qua gegenseitiger Bestätigung in gemeinsamen stereotypen „Erklärungen“, die in bestimmten meinungsbestimmenden Kreisen gerade „in“ sind); und das ganz richtig konstatiert, daß politische Entscheidungen „von kleinen Zirkeln und sehr großen Interessen bestimmt“ (Werbetext) werden, was ja allzu häufig zutrifft und letztlich bedeutet, daß die Demokratie von Oligarchie unterhöhlt wird (auch wenn die Verallgemeinerung und Ausschließlichkeit der Aussage zu hinterfragen wäre). Ein anderer Titel handelt davon, daß die hehre Wissenschaft nicht immer lautere Erkenntnis kündet (Erdoğan Ercivan: Gefälschte Wissenschaft, Katalogseite 99), sondern Ergebnisse von Studien u.a. davon abhängen, wer sie bezahlt (Herr Sathom würde hinzufügen: nicht immer, manchmal auch vom zeitgeistgesteuerten, vom Wissenschaftler nicht reflektierten Vorurteil, das sowohl die Interpretation seiner Ergebnisse als auch bereits die Fragestellung bestimmt, was für die tatsächlichen, ebenso unreflektiert bleibenden Motive seines vermeintlichen Erkenntnisstrebens ebenfalls gilt. Zudem: auch in wissenschaftlichen Disziplinen gibt es Erklärungsstereotypen, die gerade „in“ sind). Hat man’s hier nun mit Verschwörungstheorien zu tun oder sachlicher, gewissenhaft recherchierter Aufklärung, mit seriöser Medien- und Wissenschaftskritik oder Dummfug? Nun, bei Herrn Ercivan ist die Antwort schnell gefunden: ein anderes seiner Machwerke, „Verbotene Ägyptologie“ (Seite 8, November-Katalog) kündet davon, daß die ollen Pharaonen bzw. deren Priester  schon über Elektrizität, Uranenergie und Klonexperimente Bescheid wußten; und sein Titel „Imhoteps Grab“ (a.a.O.) enthüllt, daß der ägyptische Priester Imhotep ein von „Göttern“ (im Werbetext in Anführungszeichen, gemeint sind also wohl „Astronautengötter“ à la EvD) erlangtes Geheimwissen hinterließ, das „bestimmte Organisationen“ und „geheimnisvolle Geldgeber“ (Werbetext) jedoch der Öffentlichkeit vorenthalten wollen. Und auf Seite 9 derselben Katalog-Ausgabe erfahren wir, daß Herrn Ercivans „Missing Link der Archäologie“ u.a. enthüllt, daß das allgemeine Bild der minoischen Kultur (Matriarchat & stuff) auf den Phantasien des Ausgräbers Arthur J. Evans (eines archäologischen Amateurs, wie die Kolonialzeit sie mehrfach hervorbrachte) und eines „Schweizer Künstlers“, und die Evolutionstheorie auf einer Lüge basiere. Man erkennt das Problem: Herr Ercivan greift Motive durchaus berechtigter Wissenschaftskritik auf, und mischt sie mit absurden Thesen; so stimmt es ja, daß man Studien und Erklärungsmodellen aus diversen Gründen kritisch begegnen muß, und es ist – um einen konkreten Punkt aufzugreifen – nach aktuellem Forschungsstand ebenfalls richtig, daß Sir Evans beim „Rekonstruieren“ ausgegrabener minoischer Stätten die vorgefundene Realität seinen Erwartungen, na sagen wir mal, anpaßte (was damals durchaus nicht unüblich war, unter den häufig als Archäologen sich umtuenden Dilettanten zumal), und daß einige seiner „Beweise“ für einen matriarchalen Kult möglicherweise von seinen Restauratoren (die wußten, was er suchte, und gut bezahlt wurden, dies zu liefern, und eben leider auch clevere Kunstfälscher waren) gefälscht wurden (indem sie z.B. Trümmer unterschiedlicher kultischer Figuren so zusammenkleisterten, daß neue, den Erwartungen des Herrn Evans entsprechende, entstanden), was Evans jedoch bezüglich dieser Fundstücke zum Gefoppten, nicht zum Schwindler machen würde (ganz so wie Herrn Ercivans These, Evans habe alles zusammen mit einem Schweizer Künstler erfunden, lautet die tatsächliche Kritik also nicht). Ercivan vertritt jedoch zugleich auch völlige Irrsinnsthesen – was die zutreffenden wissenschaftskritischen Äußerungen, die er sich aus dem fachlichen und öffentlichen Diskurs herausfischt, eben unter Umständen diskreditieren könnte, weil es sie ins Zwielicht des übrigen Quatschs zieht (bzw. der berechtigten Kritik ähnliche, aber nicht ganz identische Behauptungen aufstellt und diese mit völligem Unfug mischt).

Sicher, man kann bzw. muß dann eben die Werke lesen, kritisch prüfen, sich ggf. über die Bücher hinaus zu Autoren und Themen selber kundig machen (die Behauptung, daß die wahren Ursachen von AIDS vertuscht würden, macht Herrn Ercivans Buch „Gefälschte Wissenschaft“ schon wieder suspekt und rückt es in die Nähe gängiger Konspirationstheorien) – aber wird mancher sich für aufgeklärt halten wollende Zeitgenosse dies überhaupt, so er sie in solchem Umfeld antrifft, das scheinbar schon alles aussagt, und werden umgekehrt jene, die denen das verschwörungstheoretische Umfeld zusagt, solch kritischen Umgang betreiben? Und wo Werke beides, das Vernünftige mit dem Unsinn mengen – welchen Eindruck gewinnt da Mancher vom Vernünftigen? Gleiches gilt für das Thema Kapitalismuskritik: ein katalogisiertes Werk etwa beklagt u.a. das internationale Transfergeschäft, das ja tatsächlich – entkoppelt von eigentlicher Produktion und somit Wertschöpfung (lassen wir philosophische Implikationen wie die, daß der Begriff „Wertschöpfung“ bereits die Wertlosigkeit nicht vermarktbarer Dinge impliziert und somit etwas über die psychologische Verfaßtheit des der Wirtschaftsontologie anhängenden Menschen aussagt, mal beiseite) – zu Gunsten weniger Profiteure enorme Nachteile für die Mehrheit der Menschen bedingt, und im Zuge der Globalisierung in an sich gesunden Lokalwirtschaften Armutsproletariate schafft; allein, es werden solche berechtigten Kritikpunkte in vielen firmierenden Werken durchmischt mit wirren Phantasmen, und sofern sich im Katalog tatsächlich fundierte, realistische Darstellungen finden sollten, sind diese bereits durch ihre Nachbarschaft zu offenkundigem Schwachsinn einem Anfangsverdacht ausgesetzt (den manche auf diesbezügliche Kritik verallgemeinern könnten – denn es gibt ja auch ein Bedürfnis, sich einzureden, daß schon alles in Ordnung sei).

Herr Sathom gesteht es ein – es scheint ihm unmöglich, bei jedem Werk, zumal wenn er die Autoren nicht kennt, zu beurteilen, ob es Wahrheit, Schwachsinn, oder eine Mixtur aus beidem beinhaltet. Es bliebe, jedes einzelne Werk kundig zu prüfen (was heißt: es erwerben zu müssen, sofern man’s nicht in einer Stadtbibliothek findet) – daran etwas zu beklagen, wäre so naiv wie eitel, denn reflektierter Umgang mit publizierten Thesen und Informationen gehört nun einmal dazu (allerdings reicht im vorliegenden Fall ein Blick auf die im Werbtext aufgeführten Behauptungen der Autoren zumeist aus, verschwörungstheoretische Elemente, die mit Themen seriöser Kritik vermischt aufgezählt werden, zu erkennen). Doch dadurch, daß sich verschwörungstheoretische Autoren gerechtfertigter Kritik bemächtigen, und daß Schriftwerk seriöser Autoren (soweit vorhanden) in unmittelbarer Nähe zu irrsinnigsten Wahnideen paradiert, beschädigen jedenfalls Verlag und Verschwörungstheoretiker die aufklärerische, notwendige und sachlich fundierte Kritik durchaus. Letztlich jedenfalls zeigt sich: ohne Zweiflertum, Quellenkritik und Differenzierungsvermögen geht’s nicht, und ist die Öffentlichkeit ausgestattet mit diesen, stellen auch üble konspirationstheoretische Schriften kein Problem dar – eine Umgangsweise mit Schriftwerk, welche die Werbung für verschwörungstheoretische Schriften allerdings vorab zu unterwandern sucht, indem sie jene als Enthüllungen tiefster Wahrheit preist. Herr Sathom etwa interessiert sich sehr für einen Forschungszweig, Epigenetik genannt, welcher aufzeigt, daß Umwelteinflüsse das Genom auf sich sofort auf den Stoffwechsel des Individuums auswirkende und zudem dauerhaft vererbbare Weise verändern können (womit nicht eine Mischung aus Metamorphose und Mutation – „Hulk Smash!“ – gemeint ist, sondern etwa Blockade von Genen – etwa durch bestimmte Nahrung – und Weitervererbung dieser Inhibition, wobei das Ganze auf chromosomaler Ebene stattfindet); daß auch dieses Thema unter den vom Kopp-Verlag vertriebenen Publikationen auftaucht, rückt es durch Nachbarschaft irgendwelcher Chroniken des Wahns gleich wieder in ein Licht, das Herrn Sathom ärgert.

Letztlich bleibt die Notwendigkeit einer Kritik der durch Aufgreifen berechtigter und fundierter Kritik „getarnten“ Konspirationstheorie (die bloße Aussage, daß sie eben „Quatsch“ sei, nutzt gar nichts, und straft zudem den sich für rational haltenden Kritiker Lügen), um sie zu scheiden von reflektierter, emanzipatorischer, einer demokratischen öffentlichen Debatte dienlicher Aufklärung; es ist ihr ebenso kritisch zu begegnen, wie jeder anderen Form von Berichterstattung auch, sofern sie sich nicht auf den ersten Blick als Unfug entlarvt, sondern sich durch Einkleidung in Fakten, die unabhängig von ihr durchaus echt sein können, mit einem Mäntelchen der Plausibilität umgibt.

Denn der aufgeklärte und kritische Geist wird nicht nur politischen, gesellschaftlichen und ökologischen Themen kritisch,  reflektiert und aufmerksam begegnen; er wird auch nach Hintergründen fragen, den Aussagen von Meinungsmachern und Mainstreammedien analytisch und mit wachsamem Verstand begegnen, und sich im Klaren sein, daß weder das, was PR-Agenturen in Form viraler Information verbreiten oder den Presseagenturen unterjubeln, noch das, was die Werbung ihm manipulativ eintrichtern will, die lautere Wahrheit sei, und unverdrossen nach derselben forschen. Er wird sich medienkompetent machen, auf daß er die Strategien der berufsmäßigen Lügenbolde kenne und durchschaue, wisse, nach welchen Maßgaben sie vorgehen und was in ihm selbst Anknüpfungspunkte für ihre niederträchtigen Tricks biete (Selbsterkenntnis wird’s genannt), aber zugleich auch diejenigen Informationen, die offiziellen Verlautbarungen und medialer Meinungsmache zuwiderlaufen, mit derselben gesunden Skepsis der Quellenkritik unterziehen. Er wird Herrschaftsinteressen und –mechanismen kritische Aufmerksamkeit schenken und bestrebt sein, sich über gesellschaftliche Vorgänge und deren Dynamik, über Motive und Hintergründe politischen Handelns sowie deren Folgen aufzuklären, und gegen diese gegebenenfalls opponieren, sei’s, indem er sich in den Diskurs einbringt, sei’s, indem er auf Demos mitspaziert. Er wird sich zu guter Letzt analytisch, aufgeklärt und reflektiert damit befassen, welche Interessengruppen den öffentlichen Diskurs, und damit die gesellschaftliche und soziale Entwicklung, auf welche Weise beeinflussen, und kritisch darauf hinweisen, zumal dann, wenn dies zum Schaden anderer Interessengruppen gereicht, insbesondere zu sozialen Verwerfungen führt.

Und dafür gibt’s ja an sich Anlässe zuhauf: wie die Ideologie des Neoliberalismus funktioniert, auf welche Stereotypen und Klischees sie aufbaut, und wie sie, sich seit Jahren erfolgreich qua entsprechender Geschichtsdeutung zur endgültigen, historisch siegreichen ultima ratio zivilisatorischer Entwicklung ausrufend, jeden alternativen Denkansatz zu diskreditieren sucht; wie Denkklischees und Vorurteile unser Urteil bestimmen und geschickt genutzt werden, um Meinungen zu manipulieren, wie durch Werbung den Menschen die Welt als Abenteuerspielplatz dargestellt wird, darin sie ihre Identität und ihren Wert durch Produktbesitz und Zugehörigkeit zur Masse der Besitzer bestimmter Produkte erlangen, und sich zudem durch den Kauf die als erstrebenswert dargestellten Charakterzüge ewig Spaß habender Konsumzombies verschaffen können. Wie sie durch die Fiktion, auf einer ewig währenden Party zu sein (und da ordentlich mithalten zu müssen) über ihre tatsächlichen Lebensbedingungen getäuscht werden, auf daß sie diese nicht bemerken mögen. Wie es zugeht, daß die Reichen immer reicher, die Armen immer ärmer werden, daß Bildungschancen vorenthalten und vom Geldbeutel abhängig gemacht werden, und wie durch geschickt lancierte Feindbilder und Klischees die Gefoppten dazu angehalten werden, aufeinander loszugehen, anstatt auf die eigentlichen Verursacher, und, und, und.

Über viele dieser Themen haben schon hervorragende Denker (was beispielsweise die Wirkung der Medien angeht, bereits in den 1950ern prophetisch der Herr Günther Anders) gewitzt und klug geschrieben, ehe Herr Sathom geboren ward, andere beleuchten sie heutigentags kritisch; und was Herrn Sathom erzürnt, ist schlichtweg dies: daß wie gesagt die Verschwörungstheoretiker sich genau der Themen bemächtigen, welche auch dem kritischen Humanisten ein Skandal sein müssen; daß sie aufnimmt, was Medienkritiker, kritische Journalisten, Kultur- und Sozialwissenschaftler aufdeckten an Mechanismen und Strukturen, über welche es aufzuklären, und wider die zu streiten es gilt; und daß sie das Aufgenommene benutzt, um es, vermischt mit ihren eigenen paranoiden Irrsinnstheorien, zu einem ganz eigenen Süppchen zusammenzukochen. Was daran dem Herrn Sathom Brechreiz bereitet, ist einerseits, was für ein Süppchen das oft ist, und andererseits, daß die Elenden durch ihr Tun analytische, investigative, reflektierte, dialektische und kritische Herangehensweisen an die Welt in die Nähe ihrer verquasten Hirngespinste rücken.

Besonders frivol dabei findet yours truly nicht nur, daß sie zugleich ihren Kopfgeburten durch Rekurs auf die ja nachweisbaren Sachverhalte und Kritikpunkte, die sie anderen abgeguckt haben, das Mäntelchen der Glaubwürdigkeit umhängen, sie damit also in den Augen Vieler hoffähig machen. Vielmehr kommt, daß sie damit die auch mehr als notwendige Kritik und Analyse tatsächlicher Mißstände sabotieren, nach Herrn Sathoms Auffassung noch hinzu; denn nicht nur diskreditieren sie richtige und notwendige, politische und gesellschaftliche Kritik (auch Protest und Widerstand) durch Übernahme von deren Themen, nein – sei erweisen sich vielmehr auch als ultrakonservativ dadurch, daß sie die Aufmerksamkeit ihrer Anhänger von wirklichen Zusammenhängen auf verquaste  Pseudoerklärungen umlenken, wie Herr Sathom in Folgenden aufzuweisen gedenkt (daß ein konservatives Element auch in linken Verschwörungstheorien aufscheint, mag überraschen, doch auch dazu wird Herr Sathom in einem späteren Artikel ein paar erläuternde Worte zu sagen haben).

Kritische Scheidung des einen vom anderen tut also Not; und diesbezüglich listet Herr Sathom zu guter Letzt einige ihm beachtenswert scheinende Thesen auf, darin sich seriöse Kritik und Verschwörungstheorie unterscheiden, und mit denen er schließen will.

These 1: Die Verschwörungstheorie entzieht Sachverhalte der rationalen Kritik; sie gibt sich zwar kritisch gegenüber „den Mächtigen“, ist jedoch im Kern kritikverhindernd. Sie nimmt diffuse, aber durchaus zutreffende Beobachtungen und Wahrnehmungen, Unzufriedenheiten und Ängste der Menschen bezüglich sozialer Verwerfungen und Ungerechtigkeiten, die Realität verdrehender, Fiktionen handelnder Medienberichterstattung und des ungehemmten Handelns der Herrschenden und Reichen wider die Interessen des Großteils der Bevölkerung auf („diffus“ sind diese Wahrnehmungen nur deswegen, weil die Ursachen dessen, was zum Gefühl des Belogenwerdens oder des Bedrohtseins führt, zunächst nicht durchschaubar sind und zugleich auch teilweise verschleiert werden, aber nicht, weil die Wahrnehmungen an sich unrichtig wären – dem Beobachter, dem ununterbrochen eingeimpft wird, die kapitalistische Marktwirtschaft sei die ultimative Lösung aller Menschheitsprobleme, die darin Erfolgreichen leisteten eben besonders viel, er selbst hingegen sei ein persönlich schuldiger Versager, wenn er in dieser Marktwirtschaft verarme, mag zwar vage auffallen, daß mit dieser Begründung dafür, daß er zu Dumpinglöhnen front, etwas nicht „stimmt“, aber ihm fehlen zunächst die Informationen darüber, was dies sei, und somit die Möglichkeit, seine Wahrnehmung konkreter zu formulieren).

Anstatt jedoch die tatsächlichen gesellschaftlichen Zustände und Entwicklungen, die den angstauslösenden Wahrnehmungen zugrunde liegen, einer rationalen und analytischen Kritik zu unterziehen, etwa aufzuweisen, wie Politik tatsächlich durch Lobbyismus und PR beeinflußt wird, oder wie Wirtschaftsinteressen, begleitet von medienwirksam propagierten Stereotypen (Reichtum = Lohn für Leistung, Armut/Arbeitslosigkeit = Resultat von Faulheit etc.), gegen das Gemeinwohl durchgesetzt werden, verhindern oder erschweren Verschwörungstheorien eine solche Kritik; dies kann auf zweierlei Weise geschehen.

Die völlig versponnene Verschwörungstheorie bietet ein vereinfachtes Deutungsschema, demzufolge mysteriöse, anonyme, omnipotent aus dem Schatten heraus agierende Mächte konspirativ und planvoll die sehr komplexen gesellschaftlichen Prozesse, die zu sozialen Verwerfungen, ökologischen Problemen usw. führen, steuern. Da all solche Prozesse und  Probleme die Interessen der Menschen unmittelbar berühren (auch wenn sie sich dessen nicht immer bewußt sind, weshalb solches Bewußtsein oft erst geschaffen werden muß), sollte aufklärerische Kritik sie eigentlich instand setzen, in einer öffentlichen Debatte, im gesellschaftlichen Diskurs, diese ihre Interessen wahrnehmen zu können. Anstatt aber derlei zu leisten, anstatt – wie vorgespiegelt – Machenschaften der Mächtigen zu kritisieren und zu entlarven, verschleiert diese Spielart der Verschwörungstheorie gesellschaftliche Zusammenhänge, die durchaus kritisch zu beleuchten sind, und verhindert somit wirkliche Kritik. Denn sie lenkt ab von realen Sachverhalten (etwa systembedingten Umständen, die beispielsweise im Rahmen einer Kapitalismuskritik aufzugreifen wären), indem sie die Aufmerksamkeit von diesen auf angebliche, klar zu identifizierende Cliquen lenkt, deren Angehörige einfach irgendwie „böse“ sind – gerade damit jedoch lenkt sie ab von tatsächlich agierenden, klar erkennbaren Personen, Netzwerken und Verantwortlichen, denn zwar werden Manager, Politiker oder Organisationen als Marionetten oder Erfüllungsgehilfen dieser Cliquen benannt, doch bleiben deren angeblich drahtziehende Führungsriegen unbekannt oder treten nur in Gestalt mythischer Figuren auf. Die Verschwörungstheorie lenkt also den Blick von tatsächlich agierenden Personen und Interessengruppen auf angeblich noch hinter diesen stehende graue Eminenzen wie Illuminaten, Freimaurer, oder Romulaner. Desgleichen werden systembedingte Probleme, die einer Grundsatzkritik bedürfen, völlig der Wahrnehmung entzogen – „schuld“ an allem sind die großen Unbekannten, die Superschurken hinter den Kulissen.

Die zunächst einer fundierten Gesellschaftskritik sehr ähnliche, weil weniger phantastisch wirkende Verschwörungstheorie, wie sie uns bei Autoren wie den Herren Ulfkotte,  Wisnewski oder Farkas entgegentritt, verschleiert hingegen kritikbedürftige Problematiken auf andere Weise. Zum Einen baut sie Nebenschauplätze auf: indem sie die Gefahr von Bürgerkriegen oder des Untergangs des Abendlandes heraufbeschwört, oder skandalöse Morde an Politikern und inszenierte Mondlandungen und 9/11-Anschläge wittert, konstruiert sie Ereignisse und Schauplätze, welche Phantasie und Aufmerksamkeit ihrer Anhänger in Beschlag nehmen und deren Interesse von realeren Problemfeldern, von wesentlich wirklichkeitsnäherer Beschäftigung mit ihren eigenen Interessen, ablenken (etwa von zunehmender Verarmung durch immer unsozialere Arbeitsbedingungen, Verschiebung von Profiten in den allein privaten und von Verlusten in den staatlichen Bereich, und der Art und Weise, wie Politik alledem Vorschub leistet – was sich alles auch ohne angenommenen Verschwörungshintergrund kritisieren läßt). Gegebenenfalls werden solche Problematiken lediglich als Versatzstück zum Beleg der sensationslüsternen Hauptthese verwendet. Zum Anderen baut dieser Typus der Konspirationstheorie Feindbilder (islamistische Weltverschwörer, eine linke Ökodiktatur anstrebende Gruppen etc.) auf, die von Aktivitäten tatsächlich relevanter Interessengruppen, die viel wirksamer in den Diskurs und gesamtgesellschaftliche Enzwicklungen eingreifen, ablenken (nebenbei: natürlich handeln etwa islamistische Terroristen gegen das Wohl und sogar das Leben der Allgemeinheit (auch gegen das von deren muslimischen Angehörigen), aber geheimnisvolle islamische Weltverschwörer zur Gefahr zu stilisieren, oder zu behaupten, bestimmte Gruppen förderten absichtlich aus dunklen Motiven heraus die Migration (und die aus ihr resultierenden Probleme) ist etwas ganz Anderes). Inwieweit diese Variante der Verschwörungstheorie zudem selbstorganisierende Prozesse (z.B. im Fall der Medienkritik die unkritische Übernahme offizieller Verlautbarungen durch Journalisten, deren stereotype Erwartungen sie solche Verlautbarungen als plausibel akzeptieren lassen) als bewußte, konspirative Zusammenarbeit wertet, muß im Einzelfall beurteilt werden – wo sie es tut, behindert sie dadurch echte Medienkritik, da sie Zusammenhänge konstruiert, die leicht widerlegt werden können, während wirkliche Ursachen mangelhafter oder manipulativer Berichtserstattung der Aufmerksamkeit entzogen und undurchschaubar bleiben; darüber hinaus liefert sie Apologeten des derzeitigen Funktionierens der Medien sogar ein Totschlagelement, jede Kritik als noch so’ne Konspirationsthese abzuwimmeln.

Ganz prototypisch für den hier beschriebenen Effekt pseudorealistischer Verschwörungstheorien sind die zu den Anschlägen des 11. September (die im Folgenden allgemein, und nicht reduziert auf Thesen des Herrn Wisnewski, diskutiert werden). Gewiß, es gibt vieles aufzuzeigen bezüglich der Anschläge selbst, etwa Versagen amerikanischer Sicherheitskräfte wie den fahrlässigen Umgang mit Warnungen, eine viel zu langsame Reaktion bzw. völlige Verwirrung bei der Abwehr aufgrund schlechter Kommunikations- und Organisationsstrukturen, und anderes mehr. Es gibt auch Etliches zu kritisieren am außenpolitischen US-amerikanischen Vorgehen vor und nach dem Attentat, sei es, daß die Kriegswut des Herrn Bush (inklusive der Aussage, wer sich am Feldzug nicht beteilige, gelte ab jetzt als Komplize der Terroristen) infolge der Attentate eine an sich überzogene Reaktion  war, sei es, daß im folgenden „war on terror“ gelogen wurde, daß sich die Balken bogen, indem man den Irakkrieg mit nicht existenten Massenvernichtungswaffen begründete (und daß der Krieg gegen den Terror vermutlich tatsächlich längst nur noch eine willkommene Ausrede dafür, einen selbst ohnehin gewünschten Krieg vom Zaun zu brechen), oder daß „Schurken“ wie Saddam Hussein erst als solche galten, nachdem sie nicht mehr „unsere“ (des Westens) Schurken waren. Auch daß man, ohne die Konsequenzen zu bedenken, Figuren wie Osama Bin Laden erst aufbaute, in irgendwelchen Krisenregionen und Milieus den lieben Gott spielte, so lang dies zwecks Bekämpfung anderer unliebsamer Zeitgenossen opportun schien, oder welche Interessengruppen des militärisch-.industriellen Komplexes eigentlich von der ganzen Kriegsführerei profitieren, gilt es kritisch aufzuzeigen. Nicht zu vergessen die Fragwürdigkeit per se einer Politik, die überhaupt Diktatoren und Terroristen unterstützt, so lange es ihr frommt, und sich hinterher wundert, wenn sie ihre Hausgeister nicht mehr in die Flasche zurückbekommt. Die Instrumentalisierung des 11.09.2001 bedarf einer solchen Kritik ebenso wie die Frage, wer von dieser Instrumentalisierung profitiert. Es ist jedoch etwas völlig anderes, zu behaupten, die Anschläge seien von den USA selbst inszeniert worden, um Anlaß für ihre Kriege zu haben (oder weiß der Geier weshalb sonst noch, vielleicht, um die von den Illuminaten gewünschte Apokalypse zu beschleunigen – dies allerdings nur im Fall der eindeutig versponnenen Verschwörungstheorie, von der dieser Absatz nicht handelt).

Der clevere pseudoseriöse Verschwörungstheoretiker übrigens, dies als kleiner Tipp für angehende solche, geht dabei durchaus nicht so vor, daß er allzu konkrete Zusammenhänge als nachgewiesen behauptet: er zählt lieber „Ungereimtheiten“ auf, die er nachlässig recherchiert, erfunden, bei anderen Erfindern abgeschrieben oder voreilig geschlußfolgert hat, stellt Zusammenhänge zwischen diesen her, die sich der Phantasie anbieten, und stellt suggestive Fragen („Weshalb haben die Amis die Flugzeuge nicht einfach abgeschossen? Hm? Hm? Und wo war Superman? Wieso ließ er den Anschlag zu? Nun, wer bezahlt den Kerl denn? Na?“); das Schöne daran ist, daß bei dieser Methode zwar bestimmte Deutungen und Erklärungen der Ereignisse suggeriert werden, der Verschwörungstheoretiker sich jedoch immer dann, wenn auf die Implikationen seiner These angesprochen, auf die Aussage zurückziehen kann, das habe er ja gar nicht gesagt. (Herr Sathom will sich hier ein kleines konstruiertes Beispiel, das ihm in den Sinn kommt, nicht verkneifen: wußten Sie, daß smilin’ KarlTheodor von und zu Guttenberg laut eigener Aussage neulich Platons Entwurf eines idealen Staates goutierte, „um den Kopf freizukriegen“ (siehe hier)? Und daß diese Politeia genannte Utopie u.a. eine Art Kastenmodell empfiehlt, in welchem dem arbeitendem Volk (zu welchem man durch angeborene Qualitäten bestimmt wird, wobei sich die Eignung für die jeweilige Kaste mittels eines Ausleseverfahren herausstellt) absichtlich jedwede höhere Bildung vorenthalten wird, dieweil nur eine kleine Clique Gebildeter herrscht? Und daß Orwells Diktatur Ozeanien exakt auf diesem Staatsmodell Platons basiert? It’s a fact, folks. Schlußfolgerung? Schon gut – Herr Sathom meint: man könnte nun trefflich kommentieren und süffisant notieren, womit ein verantwortlicher Volksvertreter in einer Demokratie sich da entspannt; man kann auch besorgt oder spöttisch fragen, was dies über seine Einstellung zum demokratischen Staatswesen oder seinen Wählern aussagt;  man könnte aber eben auch die Information „Guttenberg liest Platons Staatsutopie, die wiederum die Blaupause für Orwells Anti-Utopie liefert“ mit weiteren (gern auch nachweisbaren) Fakten würzen, welche diverse wirklich kritikwürdige Zustände aufzeigen (etwa den, daß hiesige Eliten weiterhin auf dem Auslesemodell Gymnasium/Realschule/Hauptschule bestehen, vermittels dessen sie sich nach dem Motto „Bildung hängt vom Einkommen ab“ prima selbst reproduzieren können – was ja eine Auslese im platonischen Sinne ist, sofern man sich klarmacht, daß die angeblich angeborene „Begabung“ der Kinder, nach der sich bei Platon alles richten soll, sich damals wie heute eher dem sozialen Umfeld, also dem Einkommen der Eltern verdankt), die aber in keinerlei unmittelbarem Zusammenhang mit der Privatlektüre des genannten Herrn stehen, und draus die Mär basteln, daß der Herr der Vornamen mit einer Verschwörung in Zusammenhang zu bringen sei, welche die Errichtung eines totalitären Staates anstrebt. Man könnte ferner, wollte man die Gefahr eines solchen Staates als Ziel dieser Verschwörung an die Wand malen, darauf hinweisen, daß Platon empfiehlt, Kinder sofort nach der Geburt den Eltern zu entziehen, um sie zu einer Gemeinschaft ohne familiäre Bande zu erziehen, während behinderte oder aus unerwünschten Verbindungen hervorgehende Kinder ausgesetzt werden sollen, und dies mit Ängsten vor einem „Abschuß“ der Institution Familie qua Zwangsanweisung zur Abgabe der Kinder in „Aufbewahrungsanstalten“ (siehe oben) verknüpfen. Schwupps hätte man ein Konstrukt, demzufolge deutsche Politiker planen, den in der erwähnten Schwarte „Unsichtbare Fronten“ des Herrn Viktor Farkas beschworenen Horrorstaat zu installieren, und sogar Einen ausgemacht, der sich an Platons diesbezüglichen Ideen delektiert. Oder – und das ist die hohe Schule, Leute – man behauptet das gar nicht, sondern zählt nur die soeben beschriebenen Umstände auf und „fragt halt nur“, was dies bedeute. Daß, nebenbei bemerkt, Herr Platon seine Staatsutopie später abmilderte und in der Schrift Nomoi sogar den Bürgern Mitbestimmungsrechte einräumte, nur am Rande. Das Problem: nicht nur werden möglicherweise wahrhaft aufweisbare Phänomene (etwa was die Mentalität der Bildungseliten anginge), die weitere Recherche verifizieren oder falsifizieren könnte, von derlei plumper These dem Augenmerk entzogen, und tatsächlich kritikwürdige Umtriebe unserer Volksvertreter und Wirtschaftsklüngelanten ebenso – die Verschwörungstheorie läßt sich darüber hinaus leicht als Unsinn entlarven, was den Kritisierten Gelegenheit gibt, ähnlich lautende, aber fundierte Kritik, welche die Verschwörungstheoretiker shanghait haben, gleich mit abzuweisen. Eine solche Kritik etwa an dünkelhaften Denkstereoytpen und Selbstreproduktionsinteresse der Macht- und Bildungseliten, und daran, wie diese sich auf das Bildungssystem auswirken, wird dadurch erschwert).

Kurz, man sieht das Problem, welches Herrn Sathom umtreibt: die Verschwörungstheorie lenkt die Aufmerksamkeit ab von derjenigen Scheiße, die tatsächlich gelaufen ist und läuft; sie bietet falsche, simple Erklärungen an und beschäftigt zudem unzählige kluge Leute damit, sich mit der Widerlegung des Nonsens zu befassen, anstatt mit sinnvoller Kritik. Und sie rückt zudem jede ernsthafte Kritik ins Zwielicht: wer immer was zu meckern hat, erscheint unter Umständen als noch so’n Spinner.

Natürlich trifft es in Bezug auf ökonomische, politische und soziale Vorgänge zu, daß „hinter den Kulissen“ Klüngel, Netzwerke, Interessen- und Gesinnungsgemeinschaften und Vetternwirtschaft wirken, die auch nach- und aufweisbar sind; in der Öffentlichkeit als Meinungsmacher wirkende Autoren verbreiten die Versatzstücke der dort gehandelten Ideologie (an die sie selber glauben), gleichgesinnte (oder hirntote) Journalisten und Verfasser verbreiten diese, ohne extra aufgefordert werden zu müssen, die PR-Agenturen und Spin Doctors wirken, Lohndumping und Massenentlassungen trotz Profit werden medial als auf Sachzwängen beruhend verkauft, und dergleichen mehr; die Verschleierungstaktik der Verschwörungstheorie besteht jedoch darin, daß diese Zustände lediglich als argumentative Kulisse dafür genutzt werden, hinter alledem das Wirken irgendwelcher Illuminaten, Aliens oder Kapuzenmänner zu postulieren oder sensationslüstern Mordgeschichten und apokalyptische Szenarien zu verbreiten, die mit tatsächlichen Vorgängen grad mal gar nix zu tun haben. Eine Vereinfachung komplexer Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge leistet die Verschwörungstheorie auch bezüglich der vielfältigen Probleme, die in Verbindung mit Migration auftreten und aus dieser resultieren: flugs ist eine muselmanische Geheimverschwörung konstruiert, die einem sinistren Masterplan folgt, und schwupps können alle anderen Aspekte der Problematik in der Schublade verschwinden.

Wesentliche Taktik der Werbung sowohl für Schriften des scheinbar seriös kritisierenden, jedoch tatsächlich Verschwörungstheorien webenden Autors, wie auch für die seines kompletten Unfug erzählenden Vetters, ist bei alledem auch, daß suggeriert wird, sämtliche thematisierten Probleme würden in deren Schriften abschließend, endgültig und hinreichend erklärt und gedeutet; jede weitere Recherche und Analyse, ggf. auch Korrektur der Kritik wird dadurch für unnötig erklärt somit ausgeschlossen. Dem Leser erspart dies die Mühe eigener Recherche und beständiger politischer Observanz, erhält er doch die Weltdeutung in einem Aufwasch, fett und komplett – das verschwörungstheoretische Buch ist somit bei allen Schrecken, die es zu entlarven vorgibt, auch ein angenehmes Ruhekissen.

These 2: Die Verschwörungstheorie ist im Kern ultrakonservativ. Konsequenterweise appelliert die Verschwörungstheorie verdank des ihr innewohnenden konservativen, wirklich kritische Ansätze abweisenden Elements auch weniger an die wirklich Benachteiligten – die bereits Verarmten, Unterbezahlten, Ausgebeuteten – sondern an die bürgerliche Mittelschicht, die gewöhnlich vom „System“ profitiert, aber stets ein Abrutschen zu „denen da unten“ befürchtet. Die Angst etwa, daß jene Bewohner der Gosse amoklaufend den Bürgerkrieg entfesseln könnten und das Versprechen, dem braven Bürgersmann mit Auto, Kind und Kegel aufzuzeigen, wie er das, was er hat, retten könne, wie es etwa Herrn Ulfkottes Schauermärchen tun, kann nur diesen von Abstiegsängsten geplagten Bürger zur Lektüre entsprechender Schriften bringen, nicht jedoch den, der den Tag über Besseres zu tun hat, weil er bereits mit Überleben beschäftigt ist.

Um ein Beispiel zu nennen: es wurde ja bereits die Ähnlichkeit der in Herrn Viktor Farkas’ Schwarte „Unsichtbare Fronten“ prophezeiten Schrecken zur platonischen Staatslehre aufgezeigt. Beinahe das einzige heutzutage ohne Bauchschmerzen goutierbare Element der platonischen Politeia ist nun allerdings, daß Frauen – für die griechische Antike beispiellos – als absolut gleichberechtigt gedacht werden, sogar Kriegerinnen (Platons „Wächterstand“) werden oder weiter aufsteigen können. Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß Herr Farkas im genannten Buch moniert, die Verschwörer wollten nicht nur die Geschlechterrollen, sondern die Geschlechter als solche beseitigen. Irgendwie scheint ihm dies, ebenso wie die Kinderbetreuung außer Haus, ein Greuel zu sein.

Doch auch Herrn Ulfkottes Tipps für den bürgerkriegsgefährdeten Zeitgenossen in seiner Zukunftsvision sind ein gutes Indiz dafür, daß die Annahme eines gewissen Konservatismus  (wenn auch in anderer Hinsicht) nicht fehlgeht: Ratschläge wie der, sich Ackerland zu kaufen, sich eine Schützenvereinsmitgliedschaft zu leisten (da lernt man, Mutanten abzuknallen) und Lebensmittelvorräte zu horten, werden kaum an Leser adressiert sein, die jeden Cent zweimal umdrehen oder sich gar fragen müssen, wie sie über den nächsten Tag kommen (letztere sind eher die, deren avisierten Amoklauf das Zielpublikum von Herrn Ulfkottes Zukunftsroman  als Bedrohung empfinden soll). Sie richten sich an eine bürgerliche Mittelschicht, die traditionell konservativ, an sich aber mit jederlei politischer Verfassung einverstanden ist, so lang diese ihr nur Häuschen, Auto und Garage garantiert, und die genug Kohle hat, sich die empfohlenen Vorsichtsmaßnahmen zu Herzen zu nehmen.

Witzig (na ja, in Wirklichkeit eher erschreckend, und auch zum Kotzen) sind nebenbei bemerkt manche Publikumsreaktionen auf Herrn Ulfkottes Bürgerkriegsutopie, die Herr Sathom in einigen Blogs und Foren anläßlich einer Online-Suche nach Buchbesprechungen bzw. Rezensionen dieses Titels aufspüren durfte: viel Deppenpack findet’s gut, wobei sich als besonders irrsinnig der Betreiber eines komplett erbärmlichen Blogs erweist, in dem einem unter anderem auch widerwärtiger Schwachsinn über „Unrat aus der jüdischen Ecke“, „antifaschwuljüdischmuslimischsozialistischökologische Zecken-Lobbies“ (aufgepaßt, daß man auch ja keine Lobby vergißt, ne), AIDS-Verseuchungspläne via Antidiskriminierungsgesetz, die „Verschwulung der Familie“ dank Kinderadoption durch Homosexuelle, und ähnliche Jauche brechreizerregend entgegenschwappt: wo Ulfkotte gegen Konservative wettert oder von einem Aufstieg der Rechtsradikalen schreibt, sei sein Machwerk ein „wirres Durcheinander“, heißt es dort, wo er gegen Linke, Islam und Ausländer ist, „viel lesbarer und besser“, da stellt er plötzlich die „richtigen Fragen“. Selektive Wahrnehmung ist doch was Feines.

Ähnliche Ergebnisse zeitigen übrigens entsprechende Suchen nach Besprechungen anderer Werke Herrn Ulfkottes oder solcher des Herrn Farkas – Herr Sathom weiß gar nicht, was er widerlicher, besorgnis- und wuterregender finden soll: was da an gequirlter Scheiße an Zustimmung hochkocht, oder was es für Foren und Blogs gibt, und was für Menschen, die diese betreiben – eine wahre Höllenfahrt durch die Abgründe menschlicher Dämlichkeit und Erbärmlichkeit.

Herr Sathom legt übrigens keinen Wert drauf, die erwähnten bzw. zitierten Drecksblogs und –foren hier zu verlinken, weshalb die geschätzte Leserschaft zwecks Quellenschau sich leider selbst ein wenig umtun müssen wird, sorry – Herr Sathom kann nämlich, wiewohl er die dortigen Äußerungen als widerlich und brechreizerregend betrachtet, deren juristische Bewertung nicht wirklich einschätzen; es mag sein, daß sie noch im „Rahmen“ derer eines Herrn Rüttgers liegen, den ja (soweit herr Sathom weiß) bisher keiner angezeigt hat, aber Herr Sathom ist sich dessen nicht gewiß (daß Distanzierungen von verlinkten Inhalten Ärger vermeiden, ist übrigens ein Mythos.) Das deutsche Internetrecht ist hier so uneindeutig wie einigermaßen absurd – Herr Sathom könnte die Quelle jederzeit in einem Druckwerk angeben, aber online könnte es selbst bei eindeutiger Distanzierung und Linksetzung zwecks Kritik Ärger geben, weil er die Inhalte damit „zur Verfügung stellen“ würde. Auch umfängliche Recherche auf Rechtsanwaltsseiten ergab diesbezüglich kein klares Bild, vielmehr fand Herr Sathom sogar auf einer ansonsten sehr seriös formulierten Seite die Äußerung, wer sich auf Rechtsstreitigkeiten bezüglich der Verlinkungsfrage einlasse, würde vermutlich auch in einer Nußschale das Bermuda-Dreieck durchschiffen (was Herr Sathom eindeutig nicht vorhat). Herr Sathom ist sich bewußt, daß dies die von ihm selbst stets geforderte Quellenkritik erschwert, kann aber eben nur an seine LeserInnen (wie gefällt Euch das, ihr ultrakonservativen Hampelmänner, Herr Sathom benutzt das böse große I der familienzersetzenden Emanzen) appellieren, selbst Besprechungen bestimmter Titel und Autoren zu recherchieren – sie werden genug Gülle herumschwappen finden, so sie sich diese denn zumuten wollen.

Und weil Herr Sathom gerade dabei ist, noch ein Wort in eigener Sache: er verweist nämlich auf’s Publikum Ulfkottescher und Farkas’scher Machwerke ausdrücklich nicht in der Absicht, letztere (und ebenso wenig irgendwelche anderen genannten Autoren) weltanschaulich in die Nähe jenes Publikums oder der Ansichten desselben zu rücken. Was Herrn Ulfkotte angeht – manche seiner Kontakte sind zwar kritikwürdig (siehe Wikipedia-Biographie), doch will Herr Sathom ihm zugute halten, daß er vielleicht auch Beifall aus der falschen Richtung bekommt (so ging’s der über jeden Zweifel erhabenen Frau Ates ja auch), und ferner, daß gerade Angehörige jenes politischen bzw. ideologischen Spektrums, das man getrost als nationalistisch (möglicherweise auch rassistisch, jedenfalls xenophob) bezeichnen kann, Herrn Ulfkotte auch schmähen, da er sich diesem gegenüber auch schon ablehnend geäußert hat (so ganz klar ist sich Herr Sathom über Herrn Ulfkottes politische Ausrichtung nicht, unterstellt ihm jedoch gerade darum nichts; die bei Wikipedia aufgeführte Äußerung eines seiner Kritiker, Herr Ulfkotte habe kein „geschlossenes Weltbild“, findet Herr Sathom allerdings auch nicht hilfreich – denn unter „kein geschlossenes Weltbild“ kann man sich zwar irgendwie irgendwas Nebulöses vorstellen, so wie man halt will, aber da ein „geschlossenes Weltbild“ umgekehrt ideologische Verbohrtheit bedeuten kann, ist die Aussage schon wieder fast euphemistisch, wenn nicht ganz und gar eine Übersetzung von „keine Ahnung, wie der tickt“). Herrn Farkas’ Hintergrund hat Herr Sathom, er gesteht es offen, nicht weiter recherchiert – irgendwann muß auch mal Feierabend sein, er saß auch so schon ewig an diesem Artikel – und unterstellt hm daher auch keine spezifische ideologische oder politische Einstellung. Worum es Herrn Sathom lediglich geht, ist aufzuzeigen, welche Art Publikum sich unter anderem an solchen Schriften (bzw. selektiv an bestimmten darin enthaltenen Ideen) delektiert, und welche Angst- und Haßszenarien dieses Publikum umtreiben. So augenfällig, daß es kaum der Erwähnung bedarf, ist die Xenophobie, an welche die Bücher Ulfkottes (Erzählmotive islamische Verschwörung, Untergang des Abendlandes) und Farkas’ (bewußt herbeigeführte Zuwanderungsproblematik) appellieren, und die offenbar dem Empfinden des Publikums entspricht. Ängste – ausgedrückt durch Ausformulierung als Horrorszenarien – betreffen jedoch auch die Gleichstellung der Frau bzw. den Abbau von Geschlechterklischees, die mit einer Zerstörung des althergebrachten Familienmodells, in dem Mami, Papi und Kinder festgelegte Rollen zugewiesen sind, zusammengedacht werden („Abschuß“ der „klassischen“ Familie und Beseitigung der Geschlechter (und nicht „nur“ der Geschlechterrollen!) bei Farkas, „Verschwulung“ der Familie beim Publikum solcher Theorien). Kurz, es sind ultrakonservative Weltuntergangsszenarien, die da gesponnen werden.

Daß die im genannten Katalog feilgebotenen Schundschmöker tatsächlich ein eher konservatives Publikum anvisieren, erweist sich auch an weiteren annoncierten Titeln; auf die antiökologisch-antilinke Verschwörungstheorie Herrn Manns wurde bereits verwiesen, doch es kommt noch besser. Da wird (wiederum auf derselben Seite, auf der auch Frau Ates und Herr Broder firmieren, also in unmittelbarer Nähe zu deren Schriften, Seite 80 des Katalogs) ein lustiges Hörbuch anempfohlen, das sich gegen die (zugegebenermaßen lästigen) „Gutmenschen“ richtet, weil die nicht „Negerkuß“ sagen wollen und sich mittels Unterschriftenlisten engagieren, weshalb sie so schlimm sind, daß es „höchste Zeit“ ist, „sie loszuwerden“ (Werbetext – daß dieser hier ein wenig nach totalitärer Lösung klingt, bildet sich Herr Sathom sicher nur ein); sie haben nämlich „Verständnis für Terroristen“, bauen Krötentunnel und hindern einen durch all dies daran, sich zu entspannen, so eine Gemeinheit aber auch. Das Schundtaschenbuch „Unter Linken“ von Jan Fleischhauer, ebenfalls auf dieser Seite propagiert (in der November-Ausgabe allerdings mittlerweile abgelöst von Viktor Zastrows „Die Vier“ – nein, nicht die Musketiere oder die Phantastischen, sondern die ganz ganz tapferen Rebellen gegen Andrea Ypsilanti), stimmt hingegen ein in die konservativ-neoliberale Propaganda der letzten Jahre, und stellt in deren Tradition die Dinge in schönster Manier auf den Kopf: Linke, heißt es im Werbetext, müßten sich in Deutschland für ihre Ansichten nicht rechtfertigen (muß man das neuerdings, und tun Konservative oder Wirtschaftsliberale das etwa?), hätten ihre Meinung nicht im Volk, aber den „tonangebenden Kreisen“ flächendeckend durchgesetzt, und würden sich dabei doch oft irren (offenbar aber auch nur sie), zuletzt bei der Abwehr der Finanzkrise (Häh?!). Das Buch, schließt der Werbetext triumphierend, sei ein „Erkundungsfahrt durch das Herrschaftsgebiet des linken Imperiums“. Hmm. Hat Herr Sathom gar nicht mitgekriegt: daß die „tonangebenden Kreise“ – die letzte und derzeitige Bundesregierung, die Bänker, Großunternehmen usw. – allesamt eigentlich Linke sind, wir gar in einem linken Imperium leben, und daß es diese roten Teufel waren, die nicht rechtzeitig die Finanzkrise abgewehrt haben. Geh da schau her. Dies ist derselbe Blödsinn, den die 68er-Schmäher seit Jahren faseln: während sie die 68er und generell linksalternative Denkansätze (denen man ja nicht zustimmen muß) verunglimpfen bis zum Vorwurf der Psychopathologie, ihren Propagandakreuzzug der Geschichtsklitterung quer durch alle Medien führen, behaupten sie zugleich dreist, die Geschmähten wären hierzulande meinungsbestimmend und auch deshalb an allem schuld (Herr Sathom erlebte einst, wie sich ein solcher Anti68er in einer Talkrunde zu der Äußerung verstieg, die 68er hätten endlich nicht mehr die „geistige Lufthoheit an den Stammtischen“; die Äußerung ist prototypisch. An den Stammtischen, wie hier im Vorbeigehen frech suggeriert, hatten sie die nie). Da es auf Dummheit kein Monopol gibt, soll natürlich nicht verschwiegen werden, daß auch Linke ihre Verschwörungstheorien hatten, etwa die von der angeblichen Ermordung der RAF-Selbstmörder; Herrn Sathom scheinen aber – zumindest aktuell – die konservativen Verschwörungstheorien häufiger (siehe dazu aber auch unten; nebenbei bemerkt ist Konservatismus eine historische Wurzel der heutigen Konspirationstheorien; die Legenden um die Illuminaten etwa nahmen ihren Ausgang von Kreisen, die nach der Französischen Revolution diese als Machenschaft jenes Geheimbundes deuten wollten).

Zum Appell an die bürgerlich-konservativen Ängste paßt es ebenfalls sehr gut, daß die Überschrift zum Werbetext für Frau Ates’ Buch (das wo drin steht, daß Multikulti doof ist) lautet: „Multikulti – die unheimliche Gefahr!“ (Hervorhebung von Herrn Sathom). Unheimlich muß es auf jeden Fall sein, gefährlich mindestens, und ein Ausrufezeichen ist immer gut – da kommt doch gleich die apokalyptische Dramatik viel besser rüber. Wesentlich für das konservative Moment ist hier die Betonung der „Gefahr“ – der Appell an das dumpfe Gefühl der Bedrohung des Vertrauten, an die Mittelschicht-Paranoia, jenes Gefühl, von Gefahren umzingelt, beständig von zersetzender Zerstörung bedroht zu sein, einer Zerstörung, die zuerst die liebgewonnenen Werte unterhöhlt, welche den status quo und somit die eigene gesellschaftliche Position, das eigene Hab und Gut garantieren, und zuletzt physisch vernichtet, woran man hängt, es durch das Fremde, die Antithese des Eigenen, ersetzt (daß an dieser Vorstellung auch eine insgeheime Lust hängt, einmal beiseite gelassen). Ist ein Werk vielleicht ein wenig reflektierter und malt gar keine Apokalypse an die Wand, wie im Fall der Frau Ates (deren unter den eigentlichen Verursachern der von ihr beschriebenen Probleme populärer Ursachenerklärung Herr Sathom wie gesagt nicht zustimmt), dann wird halt im Werbetext dafür gesorgt, daß es bis zu Kauf und Lektüre wenigstens eine weitere apokalyptische Schrift scheint – ignorierend, was die Autorin denn tatsächlich beabsichtigt.

Man wird Herrn Sathom gegen seine Behauptung eines Konservatismus der Verschwörungstheorie möglicherweise einwenden, daß es ja auch linke Verschwörungstheorien gäbe; Herr Sathom hat dies nicht übersehen und wird sich wie gesagt demnächst in einem weiteren Artikel mit diesen auseinandersetzen – wobei er zu zeigen hofft, daß sie sich zwar an ein politisch links stehendes Publikum wenden (bzw. eines, das dort zu stehen von sich glaubt), im Kern jedoch ebenso konservativ ausgerichtet sind wie ihre gutbürgerlichen Geschwister (weil, was sich da im Publikum solcher Theorien für links hält, doch selbst dem Spießbürgertum angehört).

These 3: Die Verschwörungstheorie appelliert an ein Gefühl der Ohnmacht, schürt so bestehende Ängste, aber auch Wut- und Haßgefühle (bzw. produziert diese), an welche verschwörungstheoretische Texte ebenso wie die für sie betriebene Werbung wiederum anknüpfen können. Die nicht verschwörungstheoretische Auffassung, daß sowohl Interessenlagen und -konflikte wie auch Methoden bestimmter gesellschaftlicher Gruppen, ihre Interessen (durchaus auch intrigant) durchzusetzen,  durchschaubar seien, transparent gemacht, politisch und sozialwissenschaftlich analysiert werden könnten, läßt diese als handhabbar erscheinen; Auseinandersetzung, Gegenagitation, eigene Einflußnahme auf die Gestaltung der Gesellschaft und auch nötigenfalls Protest und Widerstand werden möglich, sind aber auch erforderlich, kosten also Zeit, Mühe und Engagement. Im Gegensatz dazu erzeugt die Verschwörungstheorie zunächst ein Gefühl des Ausgeliefertseins und Betrogenwerdens; zwar greift sie gern auch von der rationalen Gesellschaftskritik behandelte Punkte auf, gibt sich kritisch gegenüber Politik, Massenmedien, Wirt- und Wissenschaft, benutzt diese Elemente jedoch nur als Versatzstücke für ein Weltbild, in dem die eigentlichen Drahtzieher – die ggf. noch hinter den tatsächlich agierenden Mächtigen, gesellschaftlichen Gruppen und Schichten verborgen gedacht werden – unsichtbar oder unantastbar bleiben und eventuell sogar durch außerirdische oder jenseitige Mächte unterstützt werden, jedenfalls aber der Beeinflussung durch Kritik oder der Verhängung von Konsequenzen oder Sanktionen für ihr Handeln entzogen bleiben. Dient die rationale Gesellschaftskritik der Aufklärung und somit auch der Instandsetzung, gegen durchschaute und als nicht wünschenswert, als den eigenen Interessen zuwiderlaufend eingeordnete Entwicklungen und Zustände aktiv handelnd vorzugehen, dienen die „Entlarvungen“ angeblicher Verschwörercliquen in dunklen Kellern der Erzeugung von Hilflosigkeits- und Ohnmachtsgefühlen, ggf. von Angst und/oder Haß. Dies hat zwei Konsequenzen: zum Einen kann bequemerweise gegen angebliche Illuminaten,  sonstige Geheimbündler und reale Angehörige verdächtiger „Eliten“ gar nicht vorgegangen werden, da sie als nahezu omnipotent oder vom System komplett geschützt gedacht werden, womit der Verschwörungsgläubige von eigener Verantwortung zum Handeln freigestellt ist  (einmal davon abgesehen, daß seine Gegner, sofern jedenfalls als Illuminaten etc.- also als eher phantastische Protagonisten – imaginiert, nicht existieren, und man Nichtexistentes nicht bekämpfen kann) – denn was soll er schon unternehmen gegen jahrhundertealte Mächte des Bösen, die zudem noch von magischen oder außerirdischen Kräften unterstützt werden (außer deren Machenschaften zu enthüllen, also: verschwörungstheoretisch aktiv zu sein). Zum Anderen kann er sich überzeugt geben, daß demokratische Formen der Auseinandersetzung  (auch in Form außerparlamentarischer Opposition) wirkungslos sind,  da das vollkommen korrupte System der Scheindemokratie diese ohnehin ignoriert, diffamiert oder mundtot macht. Sofern überhaupt, bleibt dem Verschwörungsgläubigen daher als Mittel der Auseinandersetzung oder Opposition nur noch der Weg in die eigene, ideologisch abgeschottete Subkultur (oder ins politisch, weltanschaulich oder religiös (und ja, auch muslimische Verschwörungstheorien gibt’s) radikale Spektrum) – also der Ausstieg aus allen anderen Strukturen, die ihm ja als durch und durch konspirativ unterwandert gelten (angesichts der Beeinflussung der Politik durch Lobbyismus, der Wähler und Konsumenten durch Spin-Doctors, des gesamtgesellschaftlichen Diskurses durch Interessengruppen, der hinter verschlossenen Türen gemachten Politik und deren Winkelzügen kein völlig unzutreffender Vorwurf – etwa zum EU-Vertrag gäbe es hier Einiges zu sagen; das Problem ist ein anderes: nämlich daß die Weltsicht, der zufolge die manipulative Kontrolle von Verschwörergruppen total ist, herkömmliche Systemkritik oder öffentlichen Widerstand sinnlos erscheinen läßt, so wie auch systemkritische Informationen, die nicht aus eigenen Netzwerken oder von vertrauten „Enthüllungs“-Auoren stammen, prinzipiell weniger wert sind). Anders ausgedrückt: der Verschwörungsgläubige wendet seinen Haß und seine Aggression beispielsweise gegen die Migranten, weil er an die düsteren Mächte, welche ihm diese angeblich absichtlich zwecks Kulturzerstörung ins Land treiben, nicht herankommt; polemisch gesprochen: anstatt beispielsweise gegen als Mißstand wahrgenommene  Sachverhalte Volksentscheide zu initiieren, beklagt er lieber, diese gingen  in ihren Möglichkeiten nicht weit genug, anstatt mal die „Piraten“ zu wählen, erklärt er Wahlen für sinnlos, und verschiebt jegliche Aktivität außer der Verbreitung seiner Behauptungen lieber auf einen in eine beliebig nahe oder ferne Zukunft projizierten Tag X, an dem die „Massen“, denen endlich die Augen aufgehen, es Denen da oben schon zeigen werden. Und bildet sich dabei in seiner Idiotie ein, mit alledem wirklichen und inexistenten Drahtziehern eins auszuwischen.

Es ist legitim und notwendig, nach den Hintergründen politischer Entscheidungen zu fragen, Einflußnahme durch Lobbyisten bloßzustellen und zu kritisieren, oder bei intransparenten Entscheidungen die Frage „Wem nützt es?“ zu stellen; anders als der aufklärerisch-kritische Geist wird der Theoretiker der Konspiration jedoch stets von gerade diesen Fragen ablenken, sie weder profund beantworten können noch wollen, tatsächlich wirkende Spin Doctors und Interessengruppen nur als Belege für seine These anführen, daß hinter eben diesen noch ein kapuzentragender Butzemann im Hintergrund lauert, der wahlweise Illuminat, Freimaurer, Außerirdischer oder Agent der gar nicht untergegangenen, sondern nach Atlantis umgesiedelten Rest-Sowjetunion sein kann. Wirkliche Kritik, Aufklärung und auch wirklicher Protest oder Widerstand werden so unterbunden – einer wie auch immer gearteten Einflußnahme und Beteiligung ist man nämlich nicht mehr mächtig (und auch guten Gewissens enthoben), wenn man nicht gegen reale Mißstände, Strukturen, Interessen und deren Vertreter handeln und argumentieren kann, sondern es mit der Mumie von Adam Weishaupt zu tun hat (oder hat einer von Euch schon mal eine Demo gegen die Illuminati gesehen, Leute?).

Die scheinbar seriöse Verschwörungstheorie wiederum leistet das Gleiche, indem sie, wie gezeigt, Scheingefechte entfesselt, Schauplätze aufbaut, daselbst sich das berechtigte Mißtrauen der Menschen an irrelevanten Pseudoproblemen die Zähne ausbeißen kann.

Dafür, daß an solche Ohnmachtsgefühle appelliert wird, mag auch beispielhaft ein erneuter Rekurs auf den Werbetext zu Frau Ates’ Buch zeigen, diesmal mit Blick auf das Unheimliche der „Gefahr“, die dort beschworen wird. Unheimlich, das heißt: Grusel erregend, im Dunklen lauernd, undurchschaubar und nicht greifbar (wenigstens vermeintlich; eine Psychoanalyse des Begriffs führte hier jedoch zu weit). Der Mensch ist dunklen, ominösen Mächten ausgeliefert, lautet die Botschaft, und denen geht’s mindestens um den Weltuntergang; mit Diskurs und Diskussion, auch vielleicht öffentlichem Protest, oder gar mit Kommunikation, ist da nichts zu machen. Und schon gar nicht ist irgendwas von alledem mit wachem, analytischem Verstand durchschaubar, sondern kommt ans Licht nur verdank der Lehren weniger Weiser, die uns ihr auf geheimen und fährnisreichen Pfaden erworbenes Wissen voll prophetischer Güte mitteilen.

These 4: Die Verschwörungstheorie ist selbst kritikresistent. Der investigative Journalist, der/die Gesellschaftskritiker/in, sie alle können irren, aber anhand neuer Information ihren Irrtum korrigieren – und selbst wenn sie es nicht tun, kann ihr Irrtum im Diskurs durch gegenläufige Information berichtigt werden, ebenso wie falsche oder virale Information entlarvt werden kann. Unter Verschwörungstheoretikern jedoch bleibt jede einmal in die Welt gesetzte Mär erhalten, werden konträr laufende Informationen ignoriert oder in das Wahnsystem eingebaut. Um beispielsweise auf Herrn Wisnewski zurückzukommen: Herr Sathom meint, daß er bestimmte Punkte (bezüglich manipulativer Medienberichterstattung) richtig benennt, und inwieweit manche seiner Erklärungen für selbige verstiegen sind, will er hier nicht weiter erörtern. Herrn Wisnewskis These aber, daß etwa Jörg Haider ermordet worden sei, wird sich unter seinen Fans so hartnäckig halten wie die Geschichten anderer Autoren von Nazibasen am Südpol, ganz gleich, welche Fakten die Zukunft zutage fördert.

Herr Sathom schließt damit für diesmal (und siehe, da ist es wirklich, zumindest vorläufig, wie von den Apokalyptikern prophezeit: DAS ENDE).

:: Demnächst: Oh, wie schön war es doch Drüben (Verschwörungstheorien II)

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5 Kommentare zu „:: Seltsam? Aber so steht es im Katalog! (Verschwörungstheorien I)“

  1. Eine bessere Gliederung, weniger – sicher kluge aber im unmittelbaren Zusammenhang nicht unerlässliche – Einschübe und Straffung des Textes würden den Inhalt besser konturieren und die Abhandlung lesbarer machen.
    Vermutlich handelt es sich um eine Notizensammlung für ein Werk zur Definition des Literaturgenres der Verschwörungstheorie und ihrer Rolle und Wirkungen in der öffentlichen Debatte über drängende, von keiner Seite wirklich in jeder Hinsicht überzeugend beantwortete Fragen bzw. durch mehrere Fragen zusammenfassenden Themen

    1. Insgesamt stimme ich Dir durchaus zu, auch wenn mir nicht klar ist, inwieweit ausgerechnet Ranke-Graves dazu beigetragen haben soll, das „Matriarchat“ vom Ballast des Sagenhaften zu befreien. Ich empfehle übrigens bei Interesse das Werk „Männerphantasien“ von Klaus Theweleit, das, obwohl älteren Datums und teils chaotisch geschrieben und überbordend, einige interessante Beobachtungen zum Thema bereithält.
      Was die Eingangskritik betrifft, so ist der Text natürlich eine Polemik; man kann ihn als solche akzeptieren oder ablehnen, bzw. Polemik grundsätzlich für unzulässig halten, die von Dir befürchtete Wirkung bezweifle ich allerdings. Entstanden ist diese Polemik – wie andere in diesem Blog – aus der Überlegung heraus, allgemein gängige, medial verbreitete Klischees provokant aufzugreifen; beim Lesen Deiner Ausführungen scheint mir, daß sie – zumal ohne Erläuterung des theoretischen Hintergrunds, vor dem Du sprichst – außerhalb einer kleinen, ohnehin zustimmenden In-Group kaum Wirkung entfalten dürften. Das ist kein Mangel; ich arbeite jedoch einfach mit anderen Mitteln.
      Für den Hinweis auf Göttner-Abendroth bin ich dankbar und werde ihm nachgehen, möchte jedoch auch darauf hinweisen, daß sie wie Ranke-Graves nicht unumstritten ist: http://de.wikipedia.org/wiki/Heide_G%C3%B6ttner-Abendroth#Kritik

    2. Da legst du den Finger in die Wunde; der Text ist zu lang, zu chaotisch, und entstammt einer Periode, in der ich kaum Zeit hatte, überhaupt zu bloggen, geschweige denn vernünftig zu straffen und redigieren. Ich plane immer mal wieder, das Thema erneut aufzugreifen und eingängiger zu gestalten, zumal ich zu einer geplanten Fortsetzung bisher nicht gekommen bin. Insgesamt bin ich wenig zufrieden damit, da geht einiges besser.

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